Null-Linie

Siebenstein (liebevoll): Gehts dir gut?
Mo (abwesend): Hm. Weiß nicht.
S (verwundert): Du weißt nicht, ob es dir gut geht?
M (zögerlich): Nein. Also, doch, ja.
S (geduldig): Also ja?
M (nach einer Pause): Nein.
S (leicht besorgt): Dir geht es also nicht gut?
M (nachdenklich): Doch. Ich glaub schon. Aber es dürfte nicht…
S (leicht ungeduldig): Also was nun?
M: Tja, also… laut dieser Pulsuhr müsste ich eigentlich
tot sein.

Nachtschicht

3.15 Uhr. Etwas weckt dich. Irgendetwas. Vielleicht Katzenkrallen, die an der Schlafzimmertür kratzen. Oder ein Betrunkener, der draußen lautstark über verpasste Chancen schimpft. Vielleicht ist es eine Windböe, der am Fenster rüttelt. Oder du bist vor einem Bild aus deinem Traum davongelaufen.

Du lauschst, nach außen und nach innen. Nichts. Du drehst dich um. Wartest auf das Ende der Schlafpause.

Wartest.

Und wartest.

Diese Sache fällt dir ein. Irgendeine Sache. Vielleicht ein wichtiges Projekt, an dem du gerade arbeitest. Oder ein unerfreuliches Telefonat, das du geführt hast. Vielleicht sind es nur die sieben Dinge, die du am nächsten Tag erledigen und deretwegen du früh aus den Federn musst. SEHR früh.

3.45 Uhr. Die Gedanken in deinem Kopf haben sich warm gelaufen. Jetzt ziehen sie ihre Kreise, unaufhaltsam. Zwanzig Minuten später hast du das anstehende Projekt von allen Seiten beleuchtet, sämtliche Problemfelder analysiert und gedanklich eine Liste mit offenen Fragen zusammengetragen. Du drehst dich auf die andere Seite, schiebst das Kopfkissen zurecht und wartest.

Und wartest.

Um 4.15 Uhr hast du die to-do-Liste für den kommenden Tag in Gedanken fertig und pinnst sie dir hinter die Stirn. Während du dich umdrehst, fällt dir ein, dass du etwas Wichtiges vergessen hast. Du nimmst die Liste ab, schreibst sie im Kopf neu und hängst sie wieder auf. Deine Lieder fühlen sich bleischwer an, und das, obwohl deine Augen geschlossen sind.

4.30 Uhr. Irgendwo hast du falsch geklickt. In deinem Gehirn öffnen sich lauter Popup-Fenster. Szenen aus dem Film, den du dir am späten Abend ja unbedingt noch hast anschauen müssen. Die Bilder der Überwachungskamera aus der Bibliothek der Columbine Highschool in Littleton sind schwer wie überladene Umzugskartons. Nur mühsam kannst du sie zur Seite schieben. Du drehst dich um. An was anderes denken. Irgendwas!

Die Mails. Gegen 4.45 Uhr fallen dir die unbeantworteten Mails ein. Fast erleichtert beginnst du, sie in Gedanken schon mal auszuformulieren. Drehst dich wieder um. Das Kissen legst du nicht mehr zurecht. Du schlägst es.

Langsam wird es knapp. Wenn du nicht bis 5 Uhr wieder eingeschlafen bist, hast du keine Chance, die ersten Flieger in der Anflugschneise auf Rhein-Main zu überhören.
Die Flugzeuge sind pünktlich. Um 5 Uhr bist du glockenhellwach. Sämtliche Argumente gegen Dumpingpreise bei Flugtickets stehen stramm und marschieren darüber hinweg, dass du gerade gestern noch über einen verlockend günstigen Wochenendflug nach Montpellier sinniert hast.
Und dann, gegen 5.45 Uhr, ganz beiläufig, passiert es doch noch. Der Schlaf kommt, und das tut er wie ein alter Bekannter, der Stunden zu spät zu einer Verabredung erscheint und ohne jedes Schuldbewusstsein sagt: Hey – was guckst du? Sei froh, dass ich überhaupt noch komme!

Eine Viertelstunde später reißt der Wecker dich in einen furchtbaren Morgen.

Wiedererkennungswert

Weblogs sind – das ist die durch die Software erzwungene Spielregel – Chroniken. Das Neueste in der Chronik steht auf der Startseite, die Vergangenheit verschwindet im Archiv, in dem sowieso keiner nachschaut. Der Weblogautor strengt sich an, die Chronik fortzuschreiben, er hat immerhin ein Publikum, ein paar oder ein paar Hundert Leute, die jeden Tag vorbeischauen und auch nicht genau wissen, warum.
Die Jungle World schreibt Amüsantes über Weblogs.
via Janko – grazie!
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Chinesen fürs Wohnzimmer

Gunther von Hagens hat seine Leichen zählen lassen. Nach einer Inventur in China ordnete er die Bestattung von sieben Toten an, die Kopfverletzungen aufwiesen – laut Spiegel sind es Einschüsse, die beweisen würden, dass es sich um Hingerichtete handele.
Bei einer Pressekonferenz in Frankfurt hat der Plastinator die Spiegel-Vorwürfe soeben scharf zurückgewiesen. Allerdings sei es möglich, dass ihm Hinrichtungsopfer „untergeschoben“ wurden – ohne sein Wissen. Was er dagegen genau weiß: In der Frankfurter Ausstellung gebe es definitiv keine Körper von Hinrichtungsopfern.
Vielen Ausstellungsbesuchern wäre das offenbar wurscht, manchen scheinbar sogar ganz Recht: Es sollte jeder die Möglichkeit haben, sich ein paar plastinierte Chinesen ins Wohnzimmer stellen zu können, findet Armin O. aus F.
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