Erinnerungen

Schachspielen, zum Beispiel. Das gehört zu den Dingen, die ich fĂŒr alle Ewigkeit mit meinem Patenonkel verbinde. Stundenlang saßen wir zusammen im Wohnzimmer seines Hauses in Marburg vor dem Schachbrett. Ich hatte eigentlich eine Chance gegen den Professor. Wenn ich mal gewann, dann, weil er es wollte. Und ich tat, als merkte ich es nicht.

Aber auch: Die Traurigkeit, weil er nicht zu meiner Hochzeit kommen wollte. Seine BegrĂŒndung, hammerhart, aber ehrlich, er war kein Mann der VorwĂ€nde. Meine stur verschrĂ€nkten Arme ĂŒber viele Monate, dann der Sprung ĂŒber meinen Schatten, bevor der zu lang wird, um ihn noch zu ĂŒberwinden, man kann das doch nicht einfach tun, lange nachtragen, diese Verbindung endgĂŒltig kappen, und wer weiß, wie lange man sich noch hat …

Der letzte Besuch, wie immer im Herbst, er kann nicht mehr aufstehen, bleibt der Kaffeetafel fern. Meine Frau hat es vor mir erkannt, lass uns nicht gehen, ohne dass du dich von ihm verabschiedet hast, sagt sie. Ich lege mich neben ihn aufs Bett, gebe ihm das Mitbringsel, ein kleines Foto-Buch mit den Schwarz-Weiß-Aufnahmen von ihm und seinem besten Freund, meinem Vater, wie sie, beide Mitte 20, mit den FahrrĂ€dern bis nach Schweden radeln und zurĂŒckkommen und Familien grĂŒnden, der sie jahrzehntelang von dieser Heldentat berichten werden. Die beiden sind durch Höhen und Tiefen gegangen, haben sich zwischenzeitlich verloren und – mit ein wenig Nachhilfe von uns – im hohen Alter wieder gefunden.

Mein Patenonkel blÀttert durch das Album und lÀchelt still. So behalte ich ihn in Erinnerung.

Wintertag am Dorfrand

Danke, 2020

Was bleibt von diesem Jahr, dessen Ende viele so sehnlichst herbeiwĂŒnschen? Was bleibt von den Erkenntnissen des FrĂŒhjahrs, als viele Menschen merkten und mitteilten, dass sie der Pandemie bei allem UnglĂŒck auch etwas Positives abgewinnen können – Entschleunigung, Besinnung, geĂ€nderte PrioritĂ€ten, die ErfĂŒllung eines Urlaubs in den heimischen WĂ€ldern statt in irgendeinem Resort auf einem anderen Kontinent, dessen austauschbare Freizeitangebote vergessen machen, in welchem Land man sich eigentlich aufhĂ€lt?

Ich wĂ€re gerne optimistisch und wĂŒrde gerne glauben, dass wenigstens etwas davon die Zeit der Pandemie ĂŒberdauert. Und wenn es nur die Dankbarkeit ist. Davon hat sich bei mir viel angesammelt. Weiterlesen →

Lichter

 

Das schönste Licht ist das am Ende des Tunnels. Wenn die Sorgen um einen Menschen einer begrĂŒndeten Hoffnung weichen, dass die Zeit des nĂ€chtlichen Aufschreckens beim Handyklingeln, der Anrufe beim Rettungsdienst, des Vom-Bett-ins-Auto-Springens, des Wartens morgens um 6 auf dem Hartschalensitz einer Notaufnahme  erst einmal zuende ist. Weil die Werte sich bessern, die Medikamente zu wirken beginnen, die akuten Beschwerden abklingen. Inzwischen sehen wir nicht nur das Licht – wir sind wohl wirklich raus aus dem Tunnel. Klar: Wann der nĂ€chste auf unserer Strecke kommt, weiß niemand.  Aber hier und jetzt haben wir ihn hinter uns, und das lĂ€sst mein Herz singen.

Draußen verĂ€ndert sich derweil die Landschaft. Rund um unser Dorf sind seit Wochen die MĂ€hdrescher unterwegs, in eine Wolke aus Getreidestaub gehĂŒllt, die mit ihnen ĂŒbers Feld wandert. Bis spĂ€t nachts sehen wir ihre Scheinwerfer auf der Anhöhe gegenĂŒber. Die Wintergerste ist eingefahren, Weizen und Sommergerste sind so gut wie abgeernet, auch der Roggen ist fĂ€llig. Körnermais und Hafer haben noch Zeit zu reifen, doch davon gibt es hier nicht so viel. Weiterlesen →

Neue Perspektiven

Jeden Morgen, wenn ich aus dem KĂŒchenfenster schaue, beglĂŒckwĂŒnsche ich uns zu der Entscheidung, aufs Land gezogen zu sein. Der Blick bleibt nicht mehr an den WĂ€nden acht- oder zehnstöckiger NachbarhĂ€user hĂ€ngen. Er darf weit wandern: ĂŒber die DĂ€cher und den Kirchturm hinweg, ĂŒber den Dorfrand hinaus, auf eine von Wiesen und Feldern ĂŒberzogene Anhöhe direktemang zur aufgehenden Sonne.

KĂŒchenfenster-Panorama (mit Stromkabel)

Auf dem langgestreckten RĂŒcken der Anhöhe verlĂ€uft die „Hohe Straße“. Diesem asphaltierten, einspurigen Weg, beliebt bei SpaziergĂ€ngern und Radfahrern, sieht man nicht an, dass er einst Teil der „Cölnischen Hohen Heer- und Geleitstraße“ war, eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Frankfurt und Köln aus vorrömischer Zeit.

Auf der Hohen Straße war zur Römerzeit wohl mehr los.

Wir sind im westlichen Untertaunus, wo das Mittelgebirge gefĂ€llige Wellen wirft. Eine Landschaft wie das Leben: Ein gemĂ€ĂŸigtes Auf und Ab, das einen an manchen Tagen mehr herausfordert als an anderen, und wo man mitunter unerwartet auf einen schroffen Abgrund stĂ¶ĂŸt, eine felsige Wand oder einen besonders steilen Aufstieg. Das am weitesten verbreitete Fahrzeug neben dem Auto ist hier das E-Mountainbike.

Die aufgehende Sonne dimmt den Horizont langsam heller, verwandelt die Grautöne der Landschaft erst in zartes, dann in krĂ€ftiges GrĂŒn. Bevor sie ĂŒber den HĂŒgel schaut, fĂ€rbt sie manchmal den Horizont lila oder bringt die Wolken in allen erdenklichen Rottönen zum GlĂŒhen. Schließlich blinzelt sie ĂŒber die Kuppe. Kurze Zeit spĂ€ter ist unser FrĂŒhstĂŒckstisch ins Licht der Morgensonne getaucht.

Hinter der Anhöhe zeichnen sich in dunklerem GrĂŒn die Wipfel der BĂ€ume ab. Ausgedehnte WĂ€lder ziehen sich von hier bis zum Großen Feldberg. Die höchste Erhebung im Taunus liegt ziemlich genau auf halbem Wege zwischen unserem neuen und unserem alten Wohnort.

Überm Kirchturm grĂŒĂŸt aus der Ferne der neue alte Nachbar – der Aussichtsturm des Feldbergs (880 Meter). Dahinter liegt Frankfurt.

Vom großen Dorf ins kleine Dorf

SpektakulĂ€re SonnenaufgĂ€nge kann man natĂŒrlich auch in Frankfurt erleben. Wir haben gerne in dieser Stadt gewohnt – auch, wenn sich das Leben dort allein in den letzten zehn Jahren spĂŒrbar verĂ€ndert hat. Es ist rammelvoll geworden – ĂŒberall. Um ParkplĂ€tze herrscht ebenso ein Hauen und Stechen wie um bezahlbare Wohnungen. Oh, es wird gebaut – wie verrĂŒckt! Aber vor allem hochpreisig. Die Skyline wĂ€chst stĂ€ndig um weitere (Luxus-)WohntĂŒrme. Dass es nach wie vor genug Menschen gibt, die die explodierenden Mieten bezahlen können, löst in meinem beruflichen wie privaten Umfeld in Frankfurt schon lange ratloses KopfschĂŒtteln aus.

Trotzdem mag ich Frankfurt. Ein bisschen so, wie man eine alte Freundin mag, die leider völlig in die falsche Richtung abdriftet, von der man aber weiß, dass sie diese anderen, liebenswerten Seiten hat.

Es ist das Nebeneinander von StĂ€dtischem und Dörflichem, das ich an Frankfurt immer mochte. Die Stadt gibt mĂ€chtig an mit ihrer Skyline und ihrer Mitgliedschaft im Club der fĂŒnf grĂ¶ĂŸten StĂ€dte des Landes. In Wahrheit ist Frankfurt klein. Man kann es problemlos in einer halben, höchstens einer Dreiviertelstunde komplett mit dem Fahrrad durchqueren. Nur ein paar Kilometer von den Straßenschluchten der Innenstadt entfernt ist Frankfurt grĂŒn, hat WĂ€lder, Seen, Pferdekoppeln und Kopfsteinpflaster. Ähnlich wie im Norden Berlins haben auch in Frankfurt viele Stadtteile ihren dörflichen Charakter nicht verloren. Aber anders als Berlin dehnt sich Frankfurt nicht annĂ€hernd so weit in der FlĂ€che aus. Alles ist nah beieinander.

Eigentlich sind wir also nur von einem großen Dorf in ein kleines Dorf gezogen.

Und doch lebt es sich hier so ganz anders. Von vielem gibt es weniger. In vielen FĂ€llen ist das mehr.

Menschen

In Frankfurt waren wir zwei von 750.000, hier zwei von 3600. Einsam ist es hier nicht. Wo immer sich zwei Wege kreuzen, sehen wir oft Menschen zusammenstehen und klönen. Auf unseren Erkundungswegen rund um das Dorf begegnen wir immer mal den neuen Nachbarinnen und Nachbarn, unterwegs mit ihren Hunden oder Pferden. Stets wird freundlich gegrĂŒĂŸt. Es ist Leben im und um das Dorf, aber gerade im rechten Maß. In Frankfurt ist man quasi nie allein. Hier ist genug Platz, um allein zu sein. FĂŒr einen Menschen wie mich, die ab und an einfach fĂŒr sich sein muss, ist das ein Geschenk.

Was mir (demnach) nicht fehlen wird: Der unaufhörliche Strom an Menschen, der sich tĂ€glich durch die Innenstadt wĂ€lzt, in U-Bahnen und Trams drĂ€ngelt, lange Schlangen an den Kassen bildet und auch unter der Woche abends die Lokale fĂŒllt, so dass es schwer ist, spontan mit mehr als zwei Personen irgendwo einen Tisch zu ergattern.

Was mir fehlen wird: Die rÀumliche NÀhe zu den Frankfurter und Offenbacher Freund*innen. Es war schön, zu wissen, die anderen sind gleich um die Ecke oder zumindest in kurzer Zeit erreichbar. Auf der anderen Seite sind unsere Taunus-Freund*innen und Familien nun sehr viel nÀher. Ein Auge lacht, wÀhrend das andere weint.

NĂŒchtern betrachtet Ă€ndert sich nicht viel: Wie vorher auch treffen wir uns weiterhin abends nach der Arbeit in der Stadt. Und werden uns daran gewöhnen, dass unsere GesprĂ€che ab und an vom Blick zur Uhr unterbrochen werden – damit wir die letzte Bahn nicht verpassen.

MobilitÀt

Ohne den Bahnanschluss wĂ€ren wir nicht in dieses Dorf gezogen. FĂŒnf Minuten zu Fuß von der Wohnung zum Bahnhof, dann 40 Minuten Fahrt in der Regionalbahn (Limburg – Frankfurt), und wir sind am Frankfurter Hauptbahnhof. Davon können manche meiner Kolleginnen und Kollegen, die morgens erst einmal mit dem Auto zu einem Bahnhof kommen mĂŒssen, nur trĂ€umen.

Wohnen am Hotspot.

Was mir nicht fehlen wird: Hektik und Betriebsamkeit auf dem Arbeitsweg. 40 Minuten RĂŒckzug in die relativ geschĂŒtzte Sitzreihe einer Regionalbahn sind auch 40 Minuten, in denen ich mich wirklich vertiefen kann – in ein Buch, die Zeitung, einen Podcast. Oder beim Musikhören aus dem Fenster die Taunuslandschaft betrachten darf. Das entspannt mich mehr als die Tram- oder U-Bahnfahrten zuvor. Der Heimweg eignet sich sehr, um den Job tatsĂ€chlich hinter mir zu lassen. Der Kindle gehört, vollgepackt mit Lesestoff, nun zum tĂ€glichen Proviant fĂŒr die Fahrt zur und von der Arbeit, das Smartphone mit frischen Podcasts sowieso.

Was mir fehlen wird: SpontaneitĂ€t. Die Bahn fĂ€hrt, abgesehen von verstĂ€rkten Verbindungen am frĂŒhen Morgen, nur einmal pro Stunde. Die Wege von A nach B mĂŒssen also jetzt genauer geplant werden. Gegen Feierabend steigt der Stresslevel: Schaffe ich es pĂŒnktlich raus, um meinen Zug zu bekommen? Als ich in der Stadt wohnte, dachte ich kaum darĂŒber nach, wenn der Arbeitstag mal ein wenig lĂ€nger dauerte. Jetzt hat schon eine Viertelstunde spĂŒrbare Auswirkungen, denn es verzögert das Nachhausekommen gleich um eine volle Stunde.

Was mir noch fehlen wird: Nahezu jeden Weg ohne Auto erledigen zu können: Zu Fuß, per Rad, mit Öffis. Irgendwas fĂ€hrt in der Stadt immer. Ich habe an jeder Ecke ein Leihfahrrad, einen Elektro-Roller vorgefunden. Musste es doch ein Auto sein und unseres war unterwegs, wartete in der NĂ€he der nĂ€chste City Flitzer. LeihrĂ€der und E-Scooter sucht man hier auf dem Land vergeblich. Immerhin, es gibt Carsharing: Ganze zwei (!) Fahrzeuge, die drĂŒben in der drei Kilometer entfernten Kernstadt parken.

Infrastruktur

Unser Dorf hat unter anderem einen Rewe, eine Apotheke, eine Bank, zwei BĂ€cker (als wir vor zehn Wochen hierher zogen, waren es noch drei; ich hoffe, das BĂ€ckereisterben geht nicht in diesem Tempo weiter), eine Post, die tĂ€glich drei (!) Stunden geöffnet hat. Eine Friseurin, eine Fahrradwerkstatt, eine Änderungsschneiderei, ein GeschĂ€ft fĂŒr Jagd- und Sportwaffen, einen Landmaschinenhandel. Im Umkreis von fĂŒnf Kilometern finden sich unter anderem ein Schwimmbad, ein Kino, ein Krankenhaus.

Also alles da, was man so braucht, und auch einiges, das man nicht so dringend braucht.

Unser Dorf ist ein Stadtteil (besser gesagt ein StÀdtchenteil) von Idstein, einem FachwerkstÀdtchen mit rund 27.000 Einwohnerinnen und Einwohnern.
Die Kernstadt ist drei Kilometer von unserem Dorf entfernt.

Beim Thema Restaurants geht der Punkt eindeutig an Frankfurt. Zumindest, was die QuantitĂ€t angeht. Dort gingen wir vor die TĂŒr und hatten die Qual der Wahl: Zum Vadder, auf einen Äppler in den Biergarten der Sonne, in den Irish Pub, die Weiße Lilie, das Schönebergers? Zum Apfelwein Solzer, ins Toffis oder ins Eckhaus? Oder auf eine Pizza gleich gegenĂŒber?

Hier im Dorf muss man wenigstens nicht so lange ĂŒberlegen. FußlĂ€ufig kommen nur zwei, drei Lokale in Frage. Gespannt warten wir auf die Öffnung der „HexenkĂŒche“ ein paar Straßen weiter, ein veganes Restaurant, das auch Fleischesser in unserem hiesigen Bekanntenkreis ĂŒberzeugend finden, das aber gerade Winterpause macht. DrĂŒben in der Kernstadt ist die Auswahl grĂ¶ĂŸer. Vor allem der dortige Japaner hat es uns angetan.

Seit unsere langjĂ€hrige Stammkneipe im Frankfurter Nordend, das Schopenhauers, Knall auf Fall dichtgemacht hat, waren wir in Frankfurt in dieser Hinsicht heimatlos. Das hat jetzt ein Ende, denn: Mitten in unserem Dorf steht der Nassauer Hof! Eine Kneipe, in der ich einen nennenswerten Teil meiner spĂ€ten Teen- und frĂŒhen Twen-Jahre verbracht habe.

Die neue (alte) Stammkneipe.

UnlĂ€ngst feierte der Nassauer Hof ein großes Fest, weil er seit 100 Jahren (mit Unterbrechungen) in Familienbesitz ist, ebenso wie die zugehörige „Scheuer“, urige Kulisse fĂŒr Konzerte, Comedy, Bauerndiscos und Veranstaltungen mit vielversprechenden Titel wie „Danse gehn“ und „Singe gehn“. Anders als damals habe ich nun nur drei Minuten Fußweg in diese neue alte Stammkneipe. Und was soll ich euch sagen: In den letzten Wochen habe ich so viel getanzt wie die letzten fĂŒnf Jahre in Frankfurt nicht mehr. :)

Was mir fehlen wird: Doch so einiges. Der jĂŒdische BĂ€cker in unserem Frankfurter Viertel, bei dem wir uns samstags gerne Brötchen holten. Die arabischen LebensmittelmĂ€rkte im Bahnhofsviertel. Die Asia-LĂ€den in der Fahrgasse. Überhaupt: Die Vielfalt, die nach einem Jahrzehnt als Frankfurterin so alltĂ€glich fĂŒr mich war, dass ich sie kaum noch bewusst wahrnahm. Erst jetzt merke ich den Kontrast wieder, auch wenn das Dorf glĂŒcklicherweise nicht nur weiß ist.

Die Stadt mag bunter sein. Aber einen queeren Regenbogen gibt’s auch ĂŒber unserem Dorf. :)

Wir wussten, was wir aufgeben. Aber wir wissen auch, was wir gewinnen. Den Sternenhimmel. Die Ruhe. Die deutlich bessere Luft (die meist einige Grad kÀlter ist als in Frankfurt). Die Freiwillige Feuerwehr, die den Weihnachtsbaum abgeholt hat. Die Familien, die immer akzeptierten, dass wir Stadtkinder geworden waren, und sich nun von Herzen freuen, uns wieder in ihrer NÀhe zu haben.

Es war keine Stadtflucht, sondern eine Landsehnsucht, die uns hierher zurĂŒckgezogen hat.

Die Anhöhe mit der alten Heer- und Geleitstraße vor unseren Fenstern ist im Abendlicht am schönsten. Die DĂ€mmerung lĂ€sst das GrĂŒn langsam verblassen, auf den gewundenen Feldwegen schlendern Gassigeher Richtung in Dorf zurĂŒck. War es die richtige Entscheidung, aufs Land zu ziehen? Bis jetzt fĂ€llt die Antwort eindeutig aus. Aber fragt uns in einem Jahr nochmal.

Ein JahresrĂŒckblick.

Seit vier Wochen leben wir auf dem Land. Haben unseren langjĂ€hrigen Alltag in der 750.000-Einwohner-Stadt Frankfurt am Main gegen das beschauliche Leben in einem 4000-Seelen-Dorf im Taunus getauscht. Nun sind wir umgeben von FachwerkhĂ€usern, Hofreiten, EinfamilienhĂ€usern, Pferdekoppeln, Äckern, Wiesen, haben einen Parkplatz vor der TĂŒr – und brauchen dreimal so lange, um an eine Briefmarke zu kommen.

Die Entscheidung, die Stadt zu verlassen und rund 50 Kilometer weit rauszuziehen, fiel im Sommer, ziemlich genau zur Halbzeit eines insgesamt ziemlich bewegten Jahres. Es begann mit einer ganz besonderen Anschaffung …

Januar

Ein Jahr lang hatten wir es als Mietklavier bei uns, Anfang 2019 machen wir ein dauerhaftes VerhĂ€ltnis daraus und kauften das weiße Klavier. Zur Feier des Ereignis lassen wir es auch endlich mal stimmen.

Februar

Wir setzen eine liebgewordene Tradition fort und reisen im Freundinnenkreis an die Nordsee. Zum Biike-Brennen sind wir diesmal auf Amrum.

MĂ€rz

FĂŒr vier Wochen ziehe ich nach MĂŒnchen – beruflich. Eine interessante Zeit, ĂŒber die ich in einem meiner dieses Jahr Ă€ußerst raren BlogbeitrĂ€ge geschrieben habe.

April

Neues Schild, neue RedaktionsrÀume, neuer Arbeitgeber in Frankfurt. Auch wenn ein neuer Firmenname draufsteht, drin ist immer noch die Frankfurter Rundschau.

Mai

Von dieser Radtour habe ich lange getrĂ€umt: Mit dem Bike unterwegs auf „The Strand“ in Los Angeles, Kalifornien.
Joshua Tree Park, Arizona.
Grand Canyon, Arizona.
Yosemite National Park, Kalifornien.
San Francisco, Kalifornien.

Juni

Der Ritterinnenschlag: Mein Schwiegervater …
… vertraut mir seinen Trecker an!

August

Hinter dieser liebevoll beschilderten TĂŒr des Frankfurter Standesamtes findet ein Upgrade statt..

September

Wir sind wieder da … Amrum again, diesmal zu dritt.

Oktober

Einlösung eines Geburtstagsgeschenks: Dieser 90-jĂ€hrige Herr reist mit seinen Kindern zu den StĂ€tten seiner Kindheit – hier prĂ€sentiert er das vermeintliche Geburtshaus.

November

Zeit zum Einpacken – der Umzug rĂŒckt nĂ€her.

Dezember

Angekommen: Das ist es, das Dorf, in dem wir nun wohnen.

Wie es dazu kam, dass wir in diesem Jahr wieder zu Landeiern wurden, und wie uns das Leben auf dem Dorf so bekommt – das erfahrt ihr im nĂ€chsten Jahr! :) Guten Rutsch!

VerÀnderung

„Eigentlich ist alles nichts“, steht auf dem quadratischen vergilbten Papier, das wohl von einem dieser Zettelblöcke stammt. Ich habe es aus einer Kiste gefischt, in der ich Post aller Art aufbewahrt habe. Weil ein Umzug bevorsteht, nehme ich mir nach und nach alle Regale, Kommoden, Schubladen und Kartons vor, sortiere, trenne mich. Und hebe auf.

Die Schrift erkenne ich sofort, es ist die meiner Mutter, und ich werde diesen Zettel ebenso wie ihre anderen Briefe, Karten, Fotos, Dokumente wieder sorgfÀltig zusammenlegen und in die neue Wohnung tragen. Es ist ein Auszug aus einem Gedicht von Theodor Fontane.

„Eigentlich ist alles nichts
Heute hĂ€lt’s und morgen bricht’s
Hin stirbt alles 
“

Hier fehlen zwei Zeilen, vielleicht waren sie ihr entfallen, sie war bereits todkrank, als sie das aufschrieb, ich sehe es an ihrer zittrig wirkenden Handschrift. Vor ihrer Erkrankung schrieb sie in gleichmĂ€ĂŸig geschwungenen Buchstaben, und beim Rezitieren von Gedichten war sie stets textsicher gewesen. Hier aber fehlen die Worte

„
 ganz geringe
Wird der Wert der ird’schen Dinge“.

Ich lese weiter:

„Doch wie tief herabgestimmt
Auch das WĂŒnschen Abschied nimmt,
Immer klingt es noch daneben:
Ja, das möcht ich noch erleben.“

Eine Handvoll Momente hat es gegeben, da ich mir wĂŒnschte, sie hĂ€tte sie noch erleben können. Einer davon wird der Moment sein, wenn ich nach Hause komme. In einigen Monaten wohne ich wieder auf dem Land, nicht weit entfernt von dem Ort, an dem ich großgeworden bin. Ich werde die vertrauten Wege durch die Felder gehen (und feststellen, dass die HĂ€user viel nĂ€her herangerĂŒckt sind), werde in ihrem Garten in der Erde wĂŒhlen und wohl auch mit ihrem hochbetagten Witwer schimpfen, wenn er mit seinen ĂŒber 90 wieder einmal auf eine Leiter klettern will.

Ich werde ihr wieder öfter begegnen, an dieser Waldlichtung, an jener Bank am Feldrand, auf diesem einen Spielplatz, den es immer noch gibt, auf dem Friedhof sowieso – und in dem Boden, den sich fruchtbar gemacht hat. Ich freue mich unbĂ€ndig darauf und fĂŒrchte mich ein ganz klein wenig. Wo mich doch schon dieser Zettelfund so aus der Fassung bringt.