Von der Büroklammer zum Eigenheim

Tausche Büroklammer gegen Füller gegen Türknauf gegen Campingkocher gegen Generator gegen Partyausstattung gegen Motorschlitten gegen eine Reise nach Yahk, British Columbia, gegen Lieferwagen gegen Plattenvertrag gegen ein Jahr in Phoenix, Arizona, gegen einen Nachmittag mit Alice Cooper gegen eine Schneekugel der Band KISS gegen eine Filmrolle gegen – ein Haus!

Kyle MacDonald hat’s geschafft: Der Kanadier tauschte ein Objekt in seinem Besitz jeweils gegen ein etwas Teureres ein. Nach 14 Tauschschritten können er und seine Freundin nun ihr eigenes Häuschen beziehen.

Die ganze Geschichte unter oneredpaperclip.blogspot.com, der Tauschhandel in Bildern bei flickr.com.

Beispielhaft

Seine Entscheidung zeigt, dass er den Fußball nicht genug liebt. Er ist ein schlechtes Beispiel für alle Führungskräfte. Andere Arbeitnehmer haben auch Familien. Aber hoch bezahlte Angestellte müssen nunmal mehr leisten. Der Entschluss von Klinsmann zeigt, dass seine Leidenschaft nicht allein dem Fußball gehört.

Na, das wird Frau Klinsmann aber sehr beruhigen, Herr Bruchhagen. Und nicht nur sie, wenn ich das bemerken darf. Mag ja sein, dass für erfolgreiche Führungskräfte, wie Sie das ganz sicher sind, ständige Abwesenheit das herausstechenste Merkmal ihres Familienlebens ist. Ihre Sache, und die Ihrer Familie. Aber Sie erwarten doch hoffentlich nicht, dass andere sich ausgerechnet an diesem antiquierten Familienbild ein Beispiel nehmen?

Hand aufs Herz

Nachdem so viele Deutsche ihre Liebe zum eigenen Land entdeckt haben, so manches Händchen beim Absingen der Nationalhymne pathetisch auf die linke Brust gepresst wurde, dürfen Finanzämter in den nächsten Monaten doch sicher mit Nachzahlungen in Millionenhöhe rechnen? Vereine und soziale Einrichtungen mit tausendfachen Angeboten, ehrenamtliche Tätigkeiten zu übernehmen? Bettler in den Fußgängerzonen deutscher Großstädte mit ein paar Euros mehr in ihren Pappbechern? Sozialämter mit Rückzahlungen? Und Arbeitslose mit Jobs in Unternehmen, deren Chefs sich auf ihre gesellschaftliche Verantwortung besonnen haben, auch wenn es ein bisschen Rendite kostet?

Klinsi go home

Sehr geehrter Herr Klinsmann,

vielen Dank und alles Gute. Die WM ist vorbei, Deutschland Dritter, das Land selig – jetzt sollten Sie rasch nach Hause gehen, bevor der Wind sich dreht.

Vom gefeierten Helden zum geschmähten Versager – in Deutschland kann das ganz schnell gehen. Wer wüsste das besser als Sie. Bewundernswert, wie gelassen Sie das Schulterklopfen von Leuten ertragen, die Sie noch vor wenigen Monaten einen faulen Hund schimpften, dem die rechte Einstellung fehle. Auch hätte ich nur zu gern hinter Ihre Stirn gesehen, als Mayer-Vorfelder Sie ölig umarmte nach dem Sieg gegen Portugal.

Gehen Sie. Sie haben das Bestmögliche aus dieser Mannschaft herausgeholt. Mehr geht nicht, in vier Jahren erst recht nicht, denn dann fehlt die entscheidende Schubkraft, die Sie 2006 so clever zu nutzen wussten: der Heimspiel-Faktor. Dafür haben wir bis dahin wieder umso mehr Teer in den Tonnen und Federn im Sack. Sie haben was Besseres verdient – zum Beispiel, unter der Sonne Kaliforniens ihre Kinder großwerden zu sehen.

Tschüss, Jürgen. Und danke nochmal.

Wir spielen ohne euch weiter

Hat Spaß gemacht, diese WM. Ganz unerwartet viel Spaß. Ausgelassenheit, herrlich schiefe Gesänge, mitteilsame Klamotten, Plaudertaschen in Uniform, jede Menge zugedrückte Augen, – das alles wurde unversehends Alltag. Hinter jeder offenen Kneipentür ein Fest, hinter jedem Gartenzaun eine Sause.

Das einzig Störende waren solche Feuilletonisten, die wochenlang wie besoffen von der Wiedergeburt des deutschen Patriotismus faselten, dass man sich schon manchmal sorgen musste, es ginge ihnen einer ab. Fürs nächste Mal also gilt: Wer meint, ein Anrecht auf öffentliche Deutung meiner persönlichen Gefühlslage zu haben und mich ungefragt zur Kronzeugin für die eigene Weltanschauung macht, der wird vom Platz gestellt.

Held müsste man sein

Der Kerl war einer von diesen Macher-Typen. Einer, der kommt, sieht, das Kommando übernimmt – und wie selbstverständlich Dinge, die andere bereits getan haben, auf dem eigenen Konto verbucht. Normalerweise kommt mir beim Anblick von Männern dieser Art ein lockerer Spruch über die Lippen. Diesmal verbot das die Situation.

Er kam heute Nacht dazu, als wir uns an einer Landstraße um einen verletzten Radfahrer und dessen Freundin kümmerten. Fast hätten wir die beiden übersehen. Nur kurz war rechts am Waldrand etwas Weißes ins Scheinwerferlicht geraten, das sich bewegte. Es war das T-Shirt einer jungen Frau, die sich auf dem Radweg über ihren Freund beugte. Hätte er allein dort gelegen, wir hätten vermutlich nichts bemerkt.

Sie waren, wie auch immer, frontal mit ihren Fahrrädern zusammengestoßen. Hilfe brauchten beide: Der Mann war offenkundig verletzt, die Frau völlig verstört. Sie hatte, bevor wir dazukamen, nicht erkennen können, ob die Lache auf dem Asphalt das Blut ihres Freundes war. Später, beim Nachdenken über den Vorfall kurz vor dem Einschlafen, dachte ich, dass diese einsame Ungewissheit im Dunkeln wohl der furchtbarste Moment für sie gewesen sein muss.

Glücklicherweise war es kein Blut, sondern vermutlich der Inhalt einer Trinkflasche, die ausgelaufen war. Der Mann war ansprechbar. Er schrie schon bei leichter Berührung an der Schulter auf, wehrte sich aber vehement dagegen, den Notarzt zu alarmieren. Auch die Frau bat uns mehrfach, zunächst keine Hilfe zu holen – die Eltern ihres Freundes seien bereits auf dem Weg. Während Siebenstein trotzig zum Handy griff (aber aus einem Grund, den wir dringend noch klären müssen, nicht durchkam), stopfte ich dem Mann die Rolle Küchentücher unter den Kopf, die bislang in unserem Kofferraum ein unnützes Dasein führte, sammelte eine Brille von der Straße auf und lief mit dem Warndreieck los, denn das Ganze spielte sich gefährlich nah an einer Kurve ab. Wir sprachen ruhig mit beiden, trösteten mit Worten und Körperkontakt, so gut wir konnten, und blieben, bis wenige Minuten später die herbeigerufenen Eltern eintrafen – er die Ruhe selbst (was in dieser Situation ja keineswegs verkehrt ist), sie bleich vor Schreck. Ihr Auto ließen sie auf der Landstraße stehen, das Warnblinklicht eingeschaltet.

Der Mann agierte wie aus dem Lehrbuch: Kurzer Blick aufs Geschehen, Ansprache des Verletzten*, Handy, Notruf (diesmal ging’s – warum bei uns nicht?). Hilfe oder weitere Informationen von uns schienen ihm aber eher lästig. Seine Reaktionen klangen zunehmend genervt (Ja, schon klar. Wir schaffen das schon). Die Decke für den Verletzten schaffte seine Frau herbei. Sie war es auch, die uns beim Spenden von Trost und Zuspruch ablöste. Als ich losging, um mein Warndreieck einzupacken, behauptete er gerade in sein Telefon: Ich habe die Unfallstelle abgesichert.

Wir machten uns schweigend auf den Heimweg.

PS: Ein Online-Kurs Erste Hilfe ist wohl allenfalls geeignet als Vorbereitung für einen Auffrischungskurs in der nächsten DRK-Station, oder?

* Nachtrag: Siebenstein erinnert mich daran, was der Mann noch tat: Er versuchte, den Verletzten mit beiden Armen zu umfassen und hochzuheben, was den noch lauter schreien ließ.