Ich versuche mir vorzustellen, wie es sich anfühlt, auf unbestimmte Zeit auf drei Quadratmetern Fußboden einer Turnhalle leben zu müssen, inmitten von Fremden, mit nur wenigen persönlichen Sachen, voller Sorge um Angehörige, um das eigene Zuhause, das ein Erdbeben zertrümmert, eine riesige Welle weggeschwemmt hat, oder voller Trauer um verlorene Freunde, Trauer, die sich nicht Bahn brechen kann, weil man nie alleine ist, weil immer entweder andere Menschen oder Fernsehkameras in der Nähe sind. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre, wenn das Grauen noch immer nicht zuende ist, wenn es immer noch schlimmer werden könnte, und man selbst nichts, rein gar nichts dagegen tun kann.
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Autor / Mo
Gutes Signal
Das mit der abgeschriebenen Doktorarbeit war schlimm genug, ja. Aber es verdeckte ein wenig, was ich noch bedenklicher finde: Der Springerverlag, dessen Bildzeitung Guttenberg bis zuletzt die Stange hielt, die ihn, seine Frau, seine Politik seit Monaten propagiert und sich bei jedweder Kritik mit großen Schlagzeilen vor Familie Guttenberg wirft, als würde der Verlag dafür bezahlt – er wurde dafür bezahlt. Das Bundesverteidigungsministerium buchte unter Ressortchef Guttenberg eine millionenschwere Anzeige für die Bundeswehr beim Springerverlag. Guttenbergs persönliches Marketing bezahlen – wir.
Sehen wir’s positiv: Der Fall zeigt wenigstens, dass die Bildzeitung nicht immer die Politik dieses Landes dirigiert. Ist doch was. Vielleicht zieht die politische Kaste daraus ja daraus ihre Schlüsse und schlüpft aus Springers Bett.
Der nächste Sonnenaufgang
Gerade die Aufgeschlossensten unter uns – die Denker, Schriftsteller, großen Künstler und Philosophen – werden oft sehr alt. Es ist wohl so, dass nicht Lebensjahre oder körperliche Energie Menschen jung oder alt erscheinen lassen, sondern die geistige Haltung, dass also Menschen, die sich geistig niemals zur Ruhe setzen, auch körperlich und seelisch selten nachlassen. Sie bewahren sich stets eine Art kindlicher Neugier auf das, was kommt, und lauschen auf eine innere Stimme, die sie drängt und treibt, nur ja den nächsten Sonnenaufgang nicht zu versäumen.
H.P. (im Nachlass gefunden)
Der Main macht sich breit
In Frankfurt ist der Main schon vor Tagen über die Ufer getreten, Straßen sind teilweise überspült, Barrieren schützen die Altstadt. Der Römerberg wird wohl trocken bleiben. Die Frankfurter spazieren an den Fluss, stehen gelassen hinter den Dämmen, halten Schwätzchen, und die Älteren erinnern sich: „Waaschde noch, 1342, als der Pegel faschd acht Meter houch stand …“ Und die ganz Alten winken ab: „Ach, des war doch gar nix gäje dreizäj null sechs. Als die Oalde Brick vum Wasser weggerisse worn is, während 500 Leit druff stande, unn etlich umkumme sinn.“ Weiterlesen →
Tschüss, 2010
Anfangs warst du kühl, in der Mitte ziemlich nass und zum Ende hin lausig kalt. Du hast mir lustige Tage beschert und ernste, neue Orte gezeigt, alte Erinnerungen geweckt. Du hast mir ein paar Kilo Lebendgewicht genommen (und inzwischen zurückgegeben), hast mich getrietzt, herausgefordert und bewegt, hast mir eine Menge Aufgaben gestellt. 2010, du warst echt anstrengend! Ich glaube, du hast mich weit mehr als nur das eine Lebensjahr gekostet, das ich dir schuldig war. Nun biste selbst am Ende. Wir werden uns nicht wiedersehen. Aber ich denk manchmal an dich, bestimmt.
Der gehört so
Habe gerade einen gutaussehenden Stiefel aus dem Regal im Schuhladen genommen, um ihn näher zu betrachten, als unvermittelt eine unbekannte Frau hinzutritt, mit dem Finger in Richtung Stiefel fuchtelt und laut vernehmlich „Igidd!“ ruft. Ich so: „Wie bitte?“ Sie so: „Doa hot doch tatsäschlisch jemand en oalde Schuh oafach ins Regal geschdellt. “ Ich so: — (*starre konsterniert den von mir gewählten Stiefel an*) Sie so (zur Verkäuferin): „Gucke Sie mol, ein gedrachener Schuh!“ Verkäuferin so (*nimmt mir wortlos den Stiefel aus der Hand, dreht und wendet ihn*) „Noa, der gehärt sou. Der muss sou aussäje.“ Und zu mir: „Wollese ma noischluppe?“ Ich entscheide mich spontan dagegen und für ein anderes Modell.