Alte Liebe I

Kann man sich ineinander verlieben, bevor man sich persönlich begegnet ist? (Eine rhetorische Frage. Ich kenne die Antwort bereits.) Eine Beziehung, die auf Distanz beginnt, ist vielen suspekt – sie kann nicht ernsthaft, nicht von Dauer sein, und vor allem: Sie wird – gerade von Menschen, die sich wenig im Web bewegen – für eine irgendwie degenerative Erscheinung des virtuellen Zeitalters gehalten. Zu unserer Zeit hätte es das nicht gegeben.

Irrtum.

Ich musste eine Weile suchen, bis ich endlich ein Exemplar eines Buches in die Hände bekommen habe, das das Gegenteil beweist. Über die Online-Fernleihe (eine wunderbare Erfindung übrigens, zu meiner Zeit hat es das leider nicht gegeben) wurde ich in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg fündig. Der Anlass war, man ahnt es, die Arbeit am Droste-Projekt, für das ich lediglich ein paar Hintergrundinformationen brauchte. Aber je mehr ich in dem Briefwechsel zwischen einem 28jährigen Juristen und einer um ein Jahr älteren Schriftstellerin las, umso mehr hat mich diese Liebesgeschichte bewegt. Sie beginnt im Spätsommer 1842.
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Eine alte Liebe

Der Briefwechsel von Levin Schücking und Luise von Gall, als Buch 1928 in Leipzig herausgegeben, ist eine wunderschöne Liebesgeschichte – schade, dass es heute nicht ganz einfach ist, daran Anteil zu nehmen. Bedauerlicherweise gab es keine Neuauflage des Buches. Darum wird es hier, an dieser Stelle, ein paar Einblicke in diese Love Story geben. Diese Kategorie per RSS verfolgen

Im Namen des Volkes

Auch, wenn ich ein gewisses Faible für die Monarchie hege: Das Begnadigungsrecht – dieses anachronistische Privileg aus einer Zeit, da Kaiser von Gottes Gnaden regierten, Könige gültige Richtersprüche mit einem Federstrich für nichtig erklären konnten, weil sie über dem Gesetze standen – gehört doch eigentlich abgeschafft. Eine so weitreichende Entscheidung über die Zukunft eines Menschen, darüber, ob er weiterhin gegen seinen Willen eingesperrt wird oder nicht – letztlich darüber, ob ein Urteil vollstreckt wird oder nicht, kann eine Demokratie doch nicht ernsthaft in den Hände eines einzigen Amtsträgers legen, der seine Entscheidung nicht einmal begründen muss, nicht den Regeln des Strafrechts, sondern allein seinem Gutdünken verpflichtet ist? Wenn nach einem Strafprozess ein Urteil im Namen des Volkes gesprochen wird, muss dann nicht auch eine Begnadigung von diesem Volk ausgehen? Im Fall Klar: Hätte eine Pflicht-Debatte im Bundestag die Schreihälse aus den Fraktionen nicht wenigstens zu einer argumentativen Auseinandersetzung gezwungen – öffentlich, für alle nachvollziehbar? So reichte es leider wieder einmal nur für das reflexhafte Hervorwürgen von unverdauten Feindbildern.

Die Zauberformel wirkt nicht mehr*

So sind wir nun mal gestrickt: Wir wollen einfache Antworten, auch, wenn die Dinge kompliziert sind. Auf diesem Bedürfnis fußt nicht nur der Erfolg einer millionenfach gekauften Boulevardzeitung, es erklärt auch, warum Bücher wie Hermans Eva-Prinzip oder Buebs Lob der Disziplin zu Bestsellern werden: Ob kinderarme Gesellschaft oder Disziplinlosigkeit der Jugend, wir mögen nicht lange über Ursachen grübeln oder gar neue Wege aus dem Dilemma ersinnen. Wir erinnern uns lieber, dass wir da mal ein Rezept hatten, wo haben wir’s doch gleich – ah, hier! Ganz unten in der Schublade. Zurück zur Hausfrauenehe! Zurück zur autoritären Erziehung!

Hat mal funktioniert – zu einer anderen Zeit, und eben nicht auf Dauer. Denn wären wir alle mit den alten Rezepten so glücklich gewesen, dann würden wir heute noch nach ihnen kochen, oder?
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Selber schuld

Als die Kinder Kröten nach Hause brachten und im Zirkus nicht mehr lachten, als sie ihr Brot nicht mehr aßen und stattdessen die Kröten fraßen, als sie Teddybären zerrissen und in Autoreifen bissen, als schließlich Kindergärten brannten und Lehrer um ihr Leben rannten, da wussten wir, es ist aus.

Jemand, nein etwas muss schuld sein an dieser gottverdammten Pleite. Das Internet, das böse. Es verdirbt uns unsere Kinder. Es macht blauäugige kleine Engel zu Monstern. Chats, WLAN-Parties, was ist das alles überhaupt, wir sind auch ohne all das groß geworden, und wenn es auch vieles gab zu unserer Zeit, virtuell getötet wurde jedenfalls nicht. Experten im Studio erklären uns, wie wir unsere Kinder vor diesem Interdings schützen können, als ob es sich eine ansteckende Krankheit handelte. Wir ziehen skeptisch die Augenbrauen hoch, wenn sie solche merkwürdigen Dinge tun wie bloggen oder chatten, aber wir haben nichts dagegen, wenn sie stattdessen stundenlang RTL gucken.

Es ist aus. Zu spät. Selbst wenn wir den Knopf drücken. Die Sache ist nämlich die: Wir haben unsere Kinder nicht an irgendein Paralleluniversum verloren – sie haben uns verloren. Wir bemerken unsere Kinder nicht mehr. Wir bemerken sie nicht, wenn wir bei Rot über die Straße gehen, obwohl sie uns dabei zusehen; wir bemerken sie nicht, wenn sie in der Nachbarwohnung um Hilfe rufen; wir sehen ihre Schrammen nicht, die äußerlichen und die inneren, und wenn, dann fragen wir nicht. Wir bemerken sie nicht einmal mehr, wenn sie direkt neben uns sitzen, während wir uns Enthauptungs-Videos in den Fernseh-Nachrichten anschauen. Wir lassen sie ungebremst gegen Wände laufen. Wir lassen sie allein.

Unsere Kleinen da draußen verbrennen die Erde, es kochen die Flüsse, es verdampfen die Meere, oben am Himmel der kleine Bär schläft auch nicht mehr. Ja, unsere Kleinen, unsere Kleinen haben uns den Krieg erklärt, haben Dir, Mutter, mir, Vater, den Krieg erklärt, weil im Raum Waldburg, an der Grenze, hat dieser gottverdammte Panzer den Osterhasen überrollt.
Ludwig Hirsch, Die gottverdammte Pleite, 1979

Mitten in Deutschland

Vor mir beim Optiker: Ein Ehepaar, er in luftigem weißen Gewand, Kopfbedeckung und Bart, sie in schwarzer Burka, nur ein Sehschlitz frei. Er lässt sich von der Verkäuferin über Kontaktlinsen beraten. Nach wenigen Minuten wird klar: Es geht gar nicht um ihn, es geht um seine Frau, um deren Augen, um deren Kontaktlinsen. Er spricht für sie. Auch die Verkäuferin weiß das jetzt. Aber sie redet weiterhin ausschließlich mit dem Mann. Sie schaut die Frau nicht einmal an. Zwischendurch macht die Frau hinter dem schwarzen Tuch Bemerkungen, aus denen selbst ich in einigen Metern Entfernung heraushöre, dass sie gut deutsch versteht und spricht. Doch auch das veranlasst die Verkäuferin nicht, sich ihr zuzuwenden – der Person, um deren Belange es schließlich geht. Weiterlesen →