Krank

Alle paar Jahre werfen wir Tiere in Massengruben und schaufeln eilig mit Bulldozern Erde darüber. So normal sind diese Bilder geworden, dass wir nicht mal mehr darüber nachdenken, warum sie überhaupt nötig werden. Manchmal gewähren wir den armen Viechern nicht mal die Gnade, sie vorher zu töten.

Die Tiere werden erst gekeult, dann vergraben, hörte ich vor einigen Tagen den Sprecher eines TV-Beitrags lügen, während das Fernsehpublikum zugleich Hühner, Enten und Gänse in weißen Säcken zappeln sah, bevor sie in der Türkei verbuddelt wurden.

Gestern nannte es ein anderer Autor in den Nachrichten immerhin beim Namen: Lebendig begraben würden die Tiere. Barbarisch sei das.

Wenn ich uns so anschaue, die wir vor lauter Angst um unsere Gesundheit, unser Geld, unseren Job, unser Ansehen jegliches Mitgefühl mit der Kreatur verlieren – dann denk ich manchmal, wir hätten es nicht anders verdient.

Riskantes Leben

Wer sich wiederholt sehenden Auges in Gefahr begibt, darf keinerlei solidarische Hilfe mehr erwarten, unkt vor allem die konservative Presse über den Fall Susanne Osthoff – und man wird das Gefühl nicht los, dass die Frau nicht nur für ihre unerhörte Abkehr vom christlichen Abendland abgestraft wird, sondern auch für ihre Weigerung, sich nach den Entführern auch von gewissen Medien lukrativ vermarkten zu lassen.

Legt man die gleichen Maßstäbe an das durchschnittliche Risikoverhalten eines Deutschen aus Gelsenkirchen oder Templin oder sonstwo in diesem Land an, dann müsste die Forderung wohl lauten: Wer trotz eindringlicher Warnungen weiterhin raucht oder säuft, darf keinerlei solidarische Hilfe erwarten – und muss für jegliche Behandlungskosten fortan alleine aufkommen.

Riskant leben auf Kosten der Gesellschaft – das praktizieren wir hierzulande mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass wir uns beim Fingerzeig auf andere eigentlich permanent an der Glasscheibe stoßen müssten.

Klartext

We’re London, and we’ve got our own way of doing things, and it doesn’t involve tossing bombs around where innocent people are going about their lives.
And that’s because we’re better than you. Everyone is better than you. Our city works. We rather like it. And we’re going to go about our lives. We’re going to take care of the lives you ruined. And then we’re going to work. And we’re going down the pub.

A letter to the terrorists, from London (via Oliver)

Relationen

Gestern auf 3sat: Eine einfühlsame Reportage des Schweizer Fernsehens über Menschen, die nach einem Unfall entstellt durchs Leben gehen. Darunter eine Frau, Anfang 40, deren Gesicht als Kind bei einem Unfall zerstört und nur mühsam wieder einem menschlichen Antlitz angeglichen worden war. Die erste Begegnung mit ihr im Film – bei mir hat sie ungläubiges Erschrecken ausgelöst.
Sie kennt das. Sie weiß, dass sie überall angestarrt wird. Sie kann das verstehen, findet es in Ordnung: Ist doch normal. Sie lacht. Und später sagt sie, sinngemäß: Ich falle eh schon aus der Reihe. Also kann ich das auch gleich nutzen und machen, wonach mir ist, ohne darauf zu achten, was andere dazu sagen.
Die Sendung wird heute wiederholt: Entstellt – Mit Narben durchs Leben, 3sat, 15 Uhr. Sie sollte Pflichtstoff sein für körperlich gesunde, nach schönheitschirurgischen Eingriffen strebende Girlies, deren wahres Problem im Kopf liegt.

Erinnerungslücken

Manchmal erweist es sich als Glück, nach einer freundlich an mir vorbei gerollten Grippewelle doch noch von einem Virennachzügler erwischt und niedergestreckt zu werden – jedenfalls, wenn man dadurch manches unsäglich bewusstlose Geschwätz in der (Blogger-)Dorfkneipe verpasst.
Blöd nur, wenn man, noch antibiotikumumnebelt, dann doch mal eben den Kopf zur Tür reinstreckt. Schon ist die österliche Ruhe dahin.
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Trauer-Spiel

Das Foto zeigt aufgebrachte Menschen, die vor einem Hospiz in Florida Plakate hochhalten: „Lasst Terri Schiavo leben“, steht auf einem. Auf einem anderen wird gemutmaßt, Terris Ehemann Michael Schiavo habe Kinder mit einer anderen Frau, und sein Kampf um Sterbehilfe für die hirntote Terri habe mit diesem Umstand zu tun. In der Bildzeile nennt die Nachrichtenagentur die Demonstranten „Unterstützer von Terri Schiavo“.

Auf einem anderen Foto, das die Online-Ausgabe der FAZ verwendet, hat sich eine junge Frau ein rotes Pflaster auf den Mund geklebt. „Life“ steht darauf, und unter dem Bild: „Pro-Terri-Protestlerin“.

Zwei Fotos, zwei Bildunterschriften, die das ganze Dilemma um die seit 15 Jahren im Wachkoma liegende Terri Schiavo deutlich machen.
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