Nichts ist falsch lautet der Titel der aktuellen Titelstory im FR-Magazin, und gemeint ist die Welt von Stanley. Stanley ist acht und Autist, und in der Geschichte, die seine Mutter Rosie Barnes erzählt, gibt es eine Stelle, die mir ganz besonders gefallen hat. Sie sagt:
Ich bin immer viel zu sehr damit beschäftigt, was andere Menschen gerade denken und fühlen. Manchmal denke ich, das ist sehr dumm, wie wir uns von anderen beeinflussen lassen. Das habe ich von Stanley gelernt: Der sagte eine Zeitlang immer den Satz: „Nein danke, nicht heute. Nein danke, nicht heute.“ Manchmal sage ich das jetzt auch zu mir selbst: „Nein danke, nicht heute.“
Der FR-Artikel ist online nicht zu finden, aber der Guardian hat die Geschichte von Stanley bereits im November 2002 erzählt. Einen – im Netz leider nur winzigen – Blick auf die Fotos, die Rosie Barnes unter dem Titel „Understanding Stanley“ gemacht hat, bietet das Fotomagazin Eight in seiner März- Ausgabe.
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Gesellschaft
Dont think twice
Die weitaus meisten Fehler, die man sich im Laufe der Zeit leistet, geben sich ja erst im Nachhinein als solche zu erkennen. Manchmal aber weiß man, dass es einer ist, noch während man ihn macht.
Ich wusste es in dem Moment, als ich den Schritt aus der S-Bahn machte. Es war meine Station, ich musste aussteigen, zur Arbeit, ich war eh schon spät dran. Wenn ich mir Mühe gebe, fallen mir bestimmt noch mehr Entschuldigungen ein dafür, dass ich nichts tat. Nichts außer auszusteigen.
War es nicht ein stinknormaler Streit zwischen zwei Eheleuten, da in der S-Bahn? Sie waren laut, fast schrien sie sich an, er hat sie berührt. Nicht geschlagen, aber unangenehm angefasst. Wann ist die Grenze des Privaten überschritten, wann wird eine Auseinandersetzung öffentlich, wann darf ich eingreifen, nein, wann muss ich eingreifen? Und warum zum Teufel kann man darauf wetten, dass immer ein paar gestandene Männer bei so einer Szene danebenstehen und dämlich grinsen?
Fürs nächste Mal schreib ich es jetzt hundert Mal: Nicht lange nachdenken – was tun.
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S 9
Mit einem „Zschschsch“ geht die Tür der S-Bahn auf, und ich hol Luft, so schnell und tief ich kann. Ich steh meistens hier, gleich an den Tür. Abends will ich mich nicht setzen. Abends strecke ich mein Rückgrat, das sich zehn Stunden lang vor einem Monitor gekrümmt hat. Abends zieh mich wieder gerade. Und hole Luft. Bei jedem Halt saug ich den Sauerstoff ein, der sich mir und den anderen Fahrgästen, die sich in dem muffigen Waggon drängen, erbarmt.
Zschschsch. Ostendstraße. Draußen auf dem Bahnsteig wartet eine Frau, einen Hund an der Leine. Ein Mann rauscht an mir vorbei, steigt aus, geht auf sie zu. Bückt sich.
Der Schwanz wedelt mit dem Hund. So sagt man wohl. Passt auch. Der Hund ist nur Schwanzwedeln, so sehr freut er sich, sein Herrchen unter all den aussteigenden, fremd riechenden Menschen zu erkennen. Der Mann greift nach dem Kopf des Tieres, umfasst das Kinn, hebt das pelzige Gesicht zu sich hoch.
Die Frau steht und wartet.
Weil sie nicht weiß, wohin sie sonst schauen soll, schaut sie in die offene S-Bahn. Ihr Blick bleibt an mir hängen.
Ich sehe eine Frau, die auf einen Mann gewartet hat. Und die nun wartet, bis der Mann den Hund begrüßt hat. Noch hat er nichts gesagt. Nichts außer: „Na mein Süßer?“ Und: „Ja da bist du ja.“ Und: „Du süßer süßer süßer du.“
Ich seh zu ihr. Sie sieht zu mir. Sie lächelt mich an. Zuckt die Schultern, als wolle sie erklären: „Ja, so ist es halt.“
Zschschsch.
Die Fahrt geht weiter.
Ja, so ist es halt.
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Knapp daneben
Kölner Fernsehproduktionsgesellschaft sucht junge Detektivin für Fernsehsendung.
Spuckte mir www.arbeitsagentur.de gerade auf meine Suchanfrage „Journalistin“ aus. Ich sollte vielleicht umschulen.
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Chinesen fürs Wohnzimmer
Gunther von Hagens hat seine Leichen zählen lassen. Nach einer Inventur in China ordnete er die Bestattung von sieben Toten an, die Kopfverletzungen aufwiesen – laut Spiegel sind es Einschüsse, die beweisen würden, dass es sich um Hingerichtete handele.
Bei einer Pressekonferenz in Frankfurt hat der Plastinator die Spiegel-Vorwürfe soeben scharf zurückgewiesen. Allerdings sei es möglich, dass ihm Hinrichtungsopfer „untergeschoben“ wurden – ohne sein Wissen. Was er dagegen genau weiß: In der Frankfurter Ausstellung gebe es definitiv keine Körper von Hinrichtungsopfern.
Vielen Ausstellungsbesuchern wäre das offenbar wurscht, manchen scheinbar sogar ganz Recht: Es sollte jeder die Möglichkeit haben, sich ein paar plastinierte Chinesen ins Wohnzimmer stellen zu können, findet Armin O. aus F.
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Leichen im Keller
Grad ist mir ein Termin geplatzt: Gunther von Hagens hat die für morgen Abend geplante Podiumsdiskussion mit Pröbstin Helga Trösken in Frankfurt abgesagt. Schade.
Derweil gehen die Stadtpolitiker in Frankfurt, wo die Ausstellung Körperwelten derzeit zu sehen ist, nach den jüngsten Vorwürfen gegen den Plastinator in Deckung – sicherheitshalber.
Ärger und Zerknirschung heute auch in der Redaktionskonferenz: Unser Korrespondent hatte in seinem Bericht über chinesische Hinrichtungsopfer die Pronomen seine und ihre verwechselt. Fatales Ergebnis:
In Chinas Staatsmedien wurde über die Vorwürfe gegen von Hagens bisher nicht berichtet. Offenbar will die Regierung eine Diskussion über seine Hinrichtungspraxis vermeiden.
(in der Online-Ausgabe korrigiert)
So haben wir wohl alle unsere Leichen im Keller.
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