Ich versuche mir vorzustellen, wie es sich anfühlt, auf unbestimmte Zeit auf drei Quadratmetern Fußboden einer Turnhalle leben zu müssen, inmitten von Fremden, mit nur wenigen persönlichen Sachen, voller Sorge um Angehörige, um das eigene Zuhause, das ein Erdbeben zertrümmert, eine riesige Welle weggeschwemmt hat, oder voller Trauer um verlorene Freunde, Trauer, die sich nicht Bahn brechen kann, weil man nie alleine ist, weil immer entweder andere Menschen oder Fernsehkameras in der Nähe sind. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre, wenn das Grauen noch immer nicht zuende ist, wenn es immer noch schlimmer werden könnte, und man selbst nichts, rein gar nichts dagegen tun kann.
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Kultur und Medien
Gutes Signal
Das mit der abgeschriebenen Doktorarbeit war schlimm genug, ja. Aber es verdeckte ein wenig, was ich noch bedenklicher finde: Der Springerverlag, dessen Bildzeitung Guttenberg bis zuletzt die Stange hielt, die ihn, seine Frau, seine Politik seit Monaten propagiert und sich bei jedweder Kritik mit großen Schlagzeilen vor Familie Guttenberg wirft, als würde der Verlag dafür bezahlt – er wurde dafür bezahlt. Das Bundesverteidigungsministerium buchte unter Ressortchef Guttenberg eine millionenschwere Anzeige für die Bundeswehr beim Springerverlag. Guttenbergs persönliches Marketing bezahlen – wir.
Sehen wir’s positiv: Der Fall zeigt wenigstens, dass die Bildzeitung nicht immer die Politik dieses Landes dirigiert. Ist doch was. Vielleicht zieht die politische Kaste daraus ja daraus ihre Schlüsse und schlüpft aus Springers Bett.
Ohne Kommentar
Glückwunsch
Das ist schön: Die iPad-Ausgabe der Frankfurter Rundschau bekommt den European Newspaper Award. Den Preis für Zeitungsdesign dürfen sich vor allem die Layouter in unserem iPad-Team anheften, denn sie gestalten Tag für Tag (oder genauer: bis tief in die Nacht) ein ansprechendes „Zeitungsmagazin“.
Ich krieg’n App.
Sagte irgendwann letzte Woche einer aus unserem iPad-Team und meinte sowas wie Plaque, Pickel oder „so’n Hals“. Gute Güte, was da alles schiefgehen kann, wenn man versucht, eine Tageszeitung zu einem digitalen Magazin zu machen.
Trotzdem gibt es die Frankfurter Rundschau jetzt dreifach: Auf Papier, online und als App auf dem iPad. Irgendwie passt das: Nach meinen Anfängen im Print habe ich neun Jahre fr-online.de gemacht – nun ist Zeit für was Neues, und die Gunst der Stunde hat mir einen Platz in dem Team beschert, das täglich das digitale Magazin erstellt. eMagazine geht mir noch nicht gut von den Lippen, muss ja auch nicht. Digitales Magazin ist mir sympathischer, oder meinetwegen App. Im Newroom nennt man uns auch die Äppler oder (i)Paddler.
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Unruhen im Bundespräsidialamt
Zugegeben: Für ihr Tagesschau Extra zum Rücktritt von Horst Köhler hatten die Kollegen wenig Zeit. Eine knappe halbe Stunde verging zwischen der ersten Einblendung der Neuigkeit ins laufende Programm und dem Beginn der Sondersendung. Aber, ach: Hätten sie’s doch bleiben lassen und gewartet, bis sie genug Material zusammen haben.
Denn außer den Bildern von Köhlers Pressekonferenz hatten sie – nichts. Immerhin, von diesem Nichts haben sie kreativ Gebrauch gemacht.
Aus Brüssel wird Markus Preiß zugeschaltet, um mitzuteilen, dass die EU sich noch nicht offiziell geäußert habe. Das sei aber nicht ungewöhnlich, denn die EU wäre an Meldungen von ganz anderem Kaliber gewohnt, dem Rücktritt ganzer Regierungen wie der belgischen etwa.
Es folgt der Korrespondent aus Neu Delhi, Florian Meesmann. Er war live dabei. Also, nicht bei der Rücktrittserklärung oder so. Sondern bei dem Afghanistanbesuch Köhlers, an dessen Rande die umstrittene Äußerung über Bundeswehreinsätze gefallen war. „Am Rande“ ist hier ein arg ausgedehnter Begriff: Köhler gab das Interview erst, nachdem er das Feldlager in Masar-e-Scharif (und damit auch den dort weilenden ARD-Korrespondenten Meesmann) verlassen hatte. Das wissen wir jetzt, dank der Schalte nach Neu Delhi.
Weiter geht die Reise um die Welt. Der Kollege in Paris vermeldet: Keine Reaktionen aus dem Elysée-Palast. Kein Wunder: Viele der eiligst angerufenen Kontaktleute aus der französischen Diplomatie hätten mit dem Namen Köhler erstmal nichts anfangen können, räumt der Korrespondent ein. Danke, Michael Strempel, nach Paris!
Jetzt aber: Berlin! Die ARD besinnt sich darauf, dass hier die Chancen größer sein sollten, jemanden zu finden, der Horst Köhler kennt. Doch statt Merkel oder Westerwelle sehen wir Ulrich Deppendorf, der die Rücktrittsbegründung Köhlers noch einmal in eigenen Worten zusammenfasst und mit sichtlicher Betroffenheit mitteilt, dass die Kanzlerin den Besuch im Quartier der deutschen Fußballnationalmannschaft abgesagt habe. Ob hinter dem Rücktritt denn nicht mehr stecke als die Kritik an Köhlers Bundeswehr-Äußerungen, wird Deppendorf gefragt – und gerät ins Spekulieren, über „Unruhen im Bundespräsidialamt“. Eine prima Überleitung zu den jüngsten Unruhen im Nahen Osten: Deppendorf geht kurz und einigermaßen zusammenhanglos auf den israelischen Angriff auf die Hilfsflottille vor der Küste Gazas am selben Tag ein – was für ein Nachrichtentag! – und stellt sich durch die Verquickung dieser beiden Themen selbst ein Bein: Der Köhler-Abgang jedenfalls „ist hier eingeschlagen wie eine…“ naja, wer will in dieser Situation schon „Bombe“ sagen. „…ja, eine Riesen-Sensation.“ Das klingt ja sogar irgendwie positiv.
Als nächstes wird die Pressekonferenz wiederholt – „für alle, die sich jetzt erst eingeschaltet haben“. Anschließend wird Deppendorf ein zweites Mal nach den Beweggründen gefragt und wiederholt seine Spekulationen über jenen „letzten Stein, der ihn bewogen hat, das zu tun“. Und für alle, die sich nicht jetzt erst eingeschaltet haben: „Wir haben das ja jetzt mehrfach erwähnt“. Immerhin gibt ihm diese zweite Schalte Gelegenheit, zwei der inzwischen über Agenturen laufenden Reaktionen zu verlesen. Sie stammen von Horst Seehofer und Christian Wulff (sic). Deppendorf mitfühlend: „Gestern hat er noch Lena empfangen, heute das.“
Es folgt ein Beitrag von Anke Hahn über Köhlers Afghanistanbesuch und das Interviewzitat, der mir sehr bekannt vorkommt – vielleicht, weil er in voller Länge bereits am Anfang der Sondersendung gezeigt worden war.
Dann noch eine Schalte, diesmal nach Washington – und wir ahnen es bereits: „Hier gibt es noch keine Reaktionen“, sagt eine frühzeitig aus dem Bett gescheuchte Hanni Hüsch. Außerdem sei heute Feiertag in den USA. Achso. Köhler aber sei hier „ein durchaus bekannter Mann“ – weniger wegen seiner Funktion als Bundespräsident, sondern mehr so von früher. Seinen Rücktritt werde man in Washington „zur Kenntnis nehmen, wenn das Land aufgewacht ist.“ Gut zu wissen.
War’s das? Nicht ganz. ARD-Rechtsexperte Karl-Dieter Möller meldet sich noch kurz aus Karlsruhe, um mitzuteilen, dass „Verfassungsrechtler ziemlich sprachlos“ seien. Nach seinem Dafürhalten aber sei der Rücktritt „korrekt, jedenfalls nach dem Grundgesetz.“
Was fehlte? Eine Auseinandersetzung mit den Äußerungen Köhlers und der Kritik, die er dafür bekam. Mein Kollege RJ hat bereits hier darauf verwiesen, dass die von Köhler beschriebenen möglichen Gründe für einen Bundeswehreinsatz bereits seit 2008 in dem Papier “Sicherheitsstrategie für Deutschland” der Unions-Bundestagsfraktion stehen. Köhler sprach demnach lediglich aus, was die Union denkt. Vor diesem Hintergrund ist die öffentliche Schelte gerade der CDU für Köhler besonders perfide.