Road Movie

Lüneburg. Vor gefühlten zehn Jahren bin ich mal hier gewesen zu einem privaten Besuch, und neben anderem erinnere ich mich, dass ich die Altstadt damals ziemlich schön fand. Aus Spaß steige ich in einem Hotel ab, das Schauplatz einer ARD-Serie ist. Am ersten Morgen eine Überraschung: Über Nacht hat es geschneit.

Altstadt Lüneburg Altstadt Lüneburg

Die kopfsteingeplasterte Gasse draußen vor dem Hotel ist in ein unnatürliches, gleißendes Licht getaucht. Menschen mit tief ins Gesicht gezogenen Mützen wuseln hektisch herum, Kabel schlängeln sich übers Pflaster, Kameras sind aufgebaut, ein Mann trägt schwer an einem Mikro an einer gut drei Meter langen Angel. „Wir machen bitte eine technische Probe“, ruft eine Frau in ein Walkie-Talkie.

Die Darsteller sind in hässliche blaue Dauenmäntel gehüllt, halten sich verzweifelt an etwas Warmem fest und schlottern trotzdem. Die Szene, die abgedreht werden soll: Die beiden Schwestern Tanja und Jule gehen, ins Gespräch vertieft, eine Straße entlang und treffen dort auf ihren Vater Thomas. „Hallo ihr beiden“, wiederholt Gerry Hungbauer (Thomas Jansen) wieder und wieder. Farbige Kreuze auf dem Boden markieren, wo alle drei stehenbleiben sollen.
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Angst essen Seele auf

Der junge Mann da neben mir ist Robert Basic. Wir waren kürzlich zusammen im Frankfurter Museum für Kommunikation zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Der zunächst irritierende Titel: „Das neue Netz“. Neu?

Es ging um Web 2.0 in vielen Erscheinungsformen, und für einen Teil des Publikums mag die eine oder andere Anwendung durchaus neu gewesen sein. Letztlich muss man aber auch nicht zwingend selbst twittern, flickern oder einen Avatar haben, um darüber nachzudenken, „wie das Internet die Gesellschaft verändert“ – so der Untertitel der Veranstaltung.

Die Diskussion drehte sich dann doch mehr darum, wie das Netz die Medien verändert – und hier vor allem mit Blick auf Gefahren, weniger auf Chancen. Chancen, die darin liegen, dass Medienkonzerne ihre Machtposition einbüßen, nicht mehr über Veröffentlichung oder Nicht-Veröffentlichung von Themen entscheiden, nicht mehr in dem Maße gebraucht werden wie vor zehn, fünfzehn Jahren – und dass unsere Arbeit mehr denn je unter öffentlicher Kritik steht (eine bittere Wahrheit, die manche Print-Journalisten immer noch nicht realisiert haben). Klar ist das alles bedrohlich – für Verlage. Die haben noch kaum die Medienkrise vom Anfang des Jahrhunderts verdaut, da krebsen sie erneut vor sich hin, streichen Budgets und Personal zusammen, dampfen Redaktionen ein und suchen ebenso verzweifelt wie vergeblich nach einem Geschäftsmodell fürs Netz. Vielen fällt dabei nicht mehr ein als – noch ’ne Komjuhnitiii.

Und wenn wir ehrlich sind: Hätten Renate Ehlers, Leiterin der Intendanz beim Hessischen Rundfunk, oder ich an diesem Abend ein tragfähiges Konzept für die Zukunft der klassischen Medien in der Tasche gehabt, wir wären inzwischen wohl mit goldenen Nasen ausgestattet. Inmitten dieser Ratlosigkeit haben Öffentliche-rechtliche ja immerhin noch den Vorteil, mit dem Finger auf die Politik zeigen zu können („Rundfunkstaatsvertrag!“), während Printmedien so schnell keinen anderen Schuldigen finden außer sich selbst oder – in letzter Zeit seltener – das böse Web. (Bascha Mika, Chefredakteurin der taz, die ich auf der Buchmesse eben dieses Klagelied über die Kostenloskultur im Internet und die furchtbaren Folgen für Qualitätsmedien anstimmen hörte, dürfte inzwischen die Ausnahme sein.)

Aber wenn man schon nicht weiß, wie es weitergeht, könnte es ja mal mit einem Ausschlussverfahren versuchen und formulieren, wie es auf keinen Fall weitergeht. Nämlich so: Noch weniger Geld in Journalismus investieren. Noch weniger Fachleute beschäftigen. Noch billiger Inhalte produzieren. Noch mehr bei Wikipedia abschreiben, ohne sich um die Spielregeln zu scheren (Matthias Schindler, der ebenfalls auf dem Podium saß, kann davon ein Lied singen). Leider scheint aber genau das der Weg zu sein, für den sich viele Medienkonzerne gerade entscheiden; eine Entwicklung, vor der an diesem kalten Winterabend in Frankfurt auch Verena Kuni, Kunst- und Medienwissenschaftlerin an der Goethe-Universität, dringend warnte.

Die wichtigste Frage aber erörterten Robert Basic und ich am Rande und ganz unter uns – nachdem er gehört hatte, dass ich auch 2009 Mitglied der Jury für den Grimme Online Award sein werde. Das Ergebnis dieser Verhandlungen darf dann im Frühsommer 2009 durchs Blog-Dorf getrieben werden.


Robert Basic, ich, Renate Ehlers

Lebensverlängerung

Ein Jahr begleitet sie mich nun. Oder ich sie. Jeden Tag in diesem Jahr hatte ich mit ihr zu tun. Selbst wenn ich im Urlaub war, gab es hier täglich einen neuen Brief von ihr zu lesen. Sie hat mich zurück in die Lesesäle der Bibliotheken, in Antiquariate, zum Blättern in brüchigem Papier, zum Lachen und zum Heulen und nebenbei darauf gebracht, dass Goethe einen schwulen Enkel hatte, mir ein paar Minuten Ruhm, ein Jobangebot und den Grimme-Award beschert. Nun mag ich sie nicht sterben lassen, die Annette von Droste.

Sie ist jetzt 51 Jahre alt, sitzt krank in ihrem Zimmer auf der Meersburg am Bodensee, das sie kaum noch verlassen kann, und registriert besorgt den Lärm auf den Straßen, die Vorboten der Revolution von 1848. Sie weiß, dass sie nicht mehr nach Westfalen, nach Münster, ins Rüschhaus – dass sie nicht mehr nach Hause zurückkehren wird. Sie hat ihr Testament gemacht (nach dessen Wortlaut ich lange suchen musste). Fünf Briefe noch sind überliefert – dann ist Schluss, mit ihrem Leben und mit meinem Projekt.

Schluss? Och nööö! Ich zögere das einfach noch ein bisschen heraus. Fange von vorne an, durchwühle die frühere Korrespondenz, finde noch mehr Briefstellen, die zu lesen sich lohnen. Zum Beispiel diesen hier, den man sich unbedingt für schlechte Zeiten bookmarken sollte!

Dotier yourself

Eine Frage, die mir nach der Grimme-Auszeichnung häufig gestellt wird, ist die nach der Dotierung des Preises. „Ruhm und Ehre“, antworte ich dann nicht ohne Stolz – und gestehe: Als Dreingabe zu Ruhm, Ehre (und Hotelzimmer, Limousinenfahrt, Verpflegung am Abend der Preisverleihung) hätte ich eine klitzekleine materielle Anerkennung durchaus nicht abgeschlagen. Doch der Grimme Online Award ist nun einmal undotiert. So lag es an mir, mich zu belohnen …

Gedichte 1844

… mit einer seltenen Erstausgabe der 1844 bei Cotta in Stuttgart/Tübingen erschienenen „Gedichte“ von Annette von Droste-Hülshof (das zweite f im Namen fehlte in dieser ersten Auflage noch). Eine gute Investition mit garantierter Rendite. Mein Alter ist gesichert. ;)