Deutlich. Höher.

Bewegte Woche bei der Frankfurter Rundschau. Die stellvertretende Chefredakteurin Brigitte Fehrle verlässt uns Richtung Berliner Büro der „Zeit“.

Gepackt haben auch rund 60 Redakteurinnen und Redakteure – für einen Büro-Ringtausch innerhalb des Hauses. Morgen ziehen wir vom vierten in den fünften Stock.

Liebe Online-Kollegen – als amtierender Spätdienst dieser Woche habe ich für euch die letzten Sekunden in unserer guten Stube dokumentiert (Musik: „It ain’t right“):


Die Letzte macht das Licht aus

Identifiziert

Die Nachrichtenagentur Associated Press verbreitet soeben Fotos von der Website des Mannes, der heute in einer Schule im Münsterland Amok gelaufen, mehrere Menschen angeschossen und sich offenbar anschließend selbst getötet hat. Am unteren Rand des Bildes ist die Internetadresse zu erkennen; die Seite ist inzwischen gesperrt. Und bei Denic kann derweil jeder, der will, die vollständige Adresse des mutmaßlichen Amokläufers nachlesen.
Update: Die Printausgabe der FR vom 21.11. hat im Text den Namen des Mannes brav abgekürzt. Und das Foto mitsamt Internetadresse veröffentlicht. Schwierige Sache, das mit dem Inter-dings.

Bilderverbot

Viele hätten es lieber nicht gesehen, das Bild vom entflohenen Vergewaltiger auf dem Dach der Dresdner Justizvollzugsanstalt. Ein Strafgefangener, der seine Wächter zum Narren hält, der sich feixend vor laufenden Kameras und klickenden Fotoapparaten inszeniert, während sein Opfer seiner Aussage im Prozess entgegenbangt. Eine Schande, ja – aber eine, die man nicht zeigen darf?

Man kann bedauern, dass in der Mediengesellschaft der Kampf um Aufmerksamkeit vor allem über visuelle Reize ausgetragen wird – zu ändern ist das nicht, und wer die Schuld daran allein den Medien zuschiebt, verdrängt den eigenen Hang zum Hinschauen. Die Gleichung ist so simpel wie wirtschaftlich einleuchtend: Geliefert wird, was verlangt wird.

Wir erwarten von Medienunternehmen mehr Moral als von jenen, die über ihren Fortbestand entscheiden. Zu Recht. Aber es bedarf schon verdammt guter Gründe, einen Vorgang, von dem es Bilder gibt, nicht zu zeigen. Journalisten, Sender, Verlage müssen sich jedesmal aufs Neue fragen, ob solche Gründe vorliegen. (Blogger auch.) Man kann darüber streiten, ob sich an Ziffer 11 des Pressekodex (Verzicht auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt und Brutalität) noch immer die Mehrheit oder womöglich nur noch eine Minderheit der deutschen Presse gebunden fühlt. Dann sollte man allerdings auch diskutieren, warum das so ist.

Die Vorstellung, wir hätten von dem unsäglichen Vorgang in Dresden zwar hören und lesen, ihn aber nicht im Bild sehen dürfen, ist absurd. Welche Gründe hätte es gegeben, den Mann auf dem Dach zwar zu beschreiben, ihn aber nicht zu zeigen? Das Opfer nicht noch mehr zu demütigen? Das war bereits passiert, als Stephanie von der Flucht ihres Peinigers unterrichtet wurde. Um dem Mann keine „Bühne“ zu geben? Die hätte er auch durch reine Wortberichterstattung. Seine Wächter haben sie ihm verschafft.

Viele hätten es lieber nicht gesehen, das Bild vom entflohenen Vergewaltiger auf dem Dach der Dresdner Justizvollzugsanstalt. Mit Sicherheit gehören die sächsischen Justizbehörden dazu, der Minister, der Direktor der JVA. Sie alle hatten Gründe, sich zu wünschen, dass ihnen nicht ganz Deutschland beim Versagen zusieht.

Und eben das ist die einzige Botschaft, die mir diese Bilder vermittelt haben. Der Staat, hilflos gestikulierend auf einer Hebebühne. Der lächerlich kurze Arm des Gesetzes.

Alter Hut

US-Publizist Michael Kinsley sorgt sich im „Time“-Magazin über die Zukunft der amerikanischen Zeitungsbranche:

Künftig erhalten die Menschen ihr Weltbild von irgendwelchen irren Bloggern, die aus ihrer Unterwäsche schöpfen.

Künftig? In Deutschland verkauft sich die auflagenstärkste Tageszeitung seit mehr als 50 Jahren auf diese Weise. In jüngerer Zeit und dank fortgeschrittener Technik kritisch beobachtet von – nein, nicht von der Print-Konkurrenz, die beschränkt sich meist aufs Abschreiben, sondern von Bloggern.

Man muss Weblogs nicht für die Zukunft der Medienwelt halten, und Blogger nicht per se für die besseren Journalisten (wobei, eigentlich … aber lassen wir das). Dass die selbst ernannten Retter des Journalismus aber so tun, als würde nicht täglich millionenfach Klowand-Content durch die Rotation der Zeitungsdruckereien laufen, das finde ich immer wieder putzig.

FR-Blog: Reset

So heiß, wie es im FR-Blog ein Jahr lang immer wieder hergegangen war, so still war es zuletzt darum geworden. Irgendwann rührten zu viele Köche in diesem Blogbrei, nicht immer taten sie es mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen. Auch die Idee, die FR-Volontäre gemeinsam unter dem Namen einer Kunstfigur bloggen zu lassen, war vermutlich nicht die allerbeste. Kurzum: Auch bei der Rundschau musste man erkennen, dass verordnetes Bloggen über Gott und die Welt irgendwie doof nicht das Wahre ist.

Trotzdem (oder gerade deshalb?): Das FR-Blog bekam innerhalb kürzester Zeit eine Fangemeinde, die zu einem großen Teil wenig bis nichts mit der Blogosphäre am Hut hatte. Manchmal war das ganz wohltuend. Offensichtlich fühlte sich vornehmlich eine Klientel angesprochen, die an politischen Diskussionen mehr Interesse hatte als an spezifischen Bloggerthemen, an Nabelschau oder WebZwoNull-Fachsimpelei – ebenso verhielt es sich übrigens bei den bloggenden Redakteuren. Insofern lag das FR-Blog herrlich „daneben“ – vermutlich ein Grund für seinen zeitweiligen Erfolg, und den hatte es, bei durchschnittlich 18 Kommentaren pro Beitrag, zweifellos.
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