Der letzte Jahrhundertsommer ist schon wieder drei Jahre her. (dpa)
Kultur und Medien
Einblicke
Die Situation im Nahen Osten eskaliert mal wieder. Das tut sie ja gerne. Seit Jahrzehnten ist Gewalt im Nahen Osten eskaliert eine der am häufigsten verwendeten Floskel von Journalisten. Das Praktische an dieser Formulierung: Sie passt immer und ist neutral, denn es gibt kein handelndes Subjekt.
Heutzutage kann man auf vielen Wegen erfahren, was diese Eskalation im Alltag bedeutet. Blogger im Libanon und in Israel beschreiben ihre Lage:
Die Sirenen heulten wieder und wir rannten in den Flur. Es ist der einzige Ort in unserer Wohnung, der keine Wände, Fenster oder Türen nach außen hat. Wir hörten vier Raketenangriffe, zwei davon sehr nahe. Ich konnte nicht anders, ich brach in Tränen aus. Wenigstens waren die Sirenen diesmal vor den Bomben zu hören, so dass wir Zeit hatten, uns an einen sichereren Platz im Haus zurückzuziehen. Das einzige Geräusch, das ich jetzt höre, ist das der Krankenwagen. Carmia, Haifa
Keine Antibiotika, kein Strom, immer weniger Benzin. Kein Ausweg. Meine Neffen und Nichten schreien jedes Mal, wenn sie eine Bombe hören. Sie haben Angst zu sterben. Flüchtlinge aus dem Süden Beiruts und Libanons suchen überall Schutz, in öffentlichen Gärten, Schulen und leeren Gebäuden. Zadigvoltaire, Beirut
Lila zeigt, wie die Metallkugeln, von denen so viel die Rede ist, aussehen.
Darauf ein Kölsch
Upps – schon wieder neue Chefs. Soeben ist es offiziell: Die Kölner Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg hat die Mehrheitsanteile an der Frankfurter Rundschau gekauft – 50 Prozent plus eine Stimme. Was heißt das für uns? Fastnachtsdienstag künftig arbeitsfrei? Neuzugänge im Getränkeautomaten? Sicher ist: Alt- und Neu-Eigentümer sind sich einig, dass weitere Maßnahmen zur Kostensenkung in Frankfurt ergriffen werden müssten, um die Grundlage für den weiteren Bestand und künftigen publizistischen Erfolg des angesehenen Blattes zu sichern.
Na dann Prost.
Weichmacher
Palästinensische Extremisten des Volkswiderstandskomitees (PRC) haben am Mittwoch Beweise für die Geiselnahme eines weiteren Israelis präsentiert. Bei einer Pressekonferenz in der Stadt Gaza legte PRC-Sprecher Abu Abir die Fotokopie des Personalausweises eines Siedlers vor, der seit Sonntag vermisst wird…
… tickert Reuters heute.
Wie bitte? Pressekonferenz? Da hilft kein Augenreiben – das steht da wirklich. Entführer nennen ihre öffentlichen Bekennerauftritte „Pressekonferenzen“, ihre kriminellen Vereinigungen „Komitee“, ihre Wortführer „Sprecher“ – und wir Journalisten übernehmen blindlings dieses Vokabular, das aus Banditen Funktionäre macht?
Was kommt als nächstes – die Ankündigung neuer Untaten vor ausgewählten Medienvertretern als Power-Point-Präsentation, vorgestellt vom Al-Quaeda (AQ)-Pressesprecher?
Besser Online
Pssst: Web 2.0 darf niemand sagen. So hätte es jedenfalls der Moderator der Auftaktdiskussion auf der journalistischen Tagung „Besser Online“gerne, die gerade in Berlin in die letzte Runde geht.
Der große Saal, in dem niemand Web 2.0 sagen soll, ist die zum Veranstaltungsort umgebaute Auferstehungskirche in Berlin-Friedrichshain, und oben über dem Podium verleihen die Pfeifen einer Kirchenorgel den Äußerungen der wichtigen Menschen darunter Gewicht und eine gewisse Autorität.
Weil also niemand das böse Wort vom Web 2.0 aussprechen soll, wird vielstimmig drumherum geredet. Denn drüber reden wollen irgendwie doch alle. Die Workshops über Publishing Tools, Blogs, Citizen Journalism, Pod- und Videocasts sind gerammelt voll, während im Klassiker „Qualität im Journalismus“ viele Stühle leer bleiben.
Statt von Web 2.0 und „user generated content“ ist hier also viel von Partizipation die Rede und von „Mitmach-Architektur“. Gut gefallen hat mir in diesem Zusammenhang das „Aal-Prinzip“: Andere arbeiten lassen.
(Übrigens, ein Kollege der Netzeitung hat eben das Projekt „20 Millionen Redakteure gesucht “ vorgestellt. Mehr dazu hier.)
Höre eben von der Messerattacke der vergangenen Nacht und bin doch froh, die Menschenmassen bei der Eröffnungsfeier des neuen Berliner Hautbahnhofs gemieden zu haben. Die Neugier wird mich spätestens heute Abend wohl doch dorthin treiben. Zum Auftanken. Und zum Nachdenken darüber, was eigentlich alberner ist: Permanent WEB 2.0 im Munde zu führen – oder das Wort auf den Index zu stellen und dann trotzdem über Nichts anderes zu reden….
Hohlspiegel-Bewerbung
Gentechnik: Seehofer hat ein Ohr für die Kritiker.
(FR vom 24.5.06)