Heiliger Nachmittag

Endlich. Es ist Heiligabend, und mit dem Schließen der letzten Geschäfte ändert sich der Fluss der Zeit. Sie verlangsamt sich, wie Honig, der immer zähflüssiger fließt. Der Nachmittag des 24. Dezember ist für mich das Schönste an Weihnachten. Ich schaue aus dem Fenster zu, wie das Pendel da draußen langsam ausschwingt, und dann ist es da, dieses ganz spezielle Heiligabend-Gefühl: Jetzt nach Hause fahren.
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Mütter sind unsterblich

Sie mögen verstummen, sich rar machen, dich viele Nächte vergeblich nach ihnen rufen lassen – sie sind da. Sie halten ihre Versprechen. Sie bewegen sich unter einer Tarnkappe, und wie Siegfried, der Drachentöter, machen sie zur rechten Zeit Gebrauch von ihren überirdischen Kräften. Weiterlesen →

Ein Leben im Flug

Hach. Sie werden ja so schnell erwachsen, die Kleinen. Gerade erst aus dem Ei geschlüpft und schon auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Seit ein paar Wochen schaue ich zwei Mauerseglern täglich beim Erwachsenwerden zu. Das Nest, in dem Ramba und Zamba ausgebrütet wurden, steht in Basel, und der Livestream unter spyren.ch liefert Bewegtbilder in guter Qualität.

Inzwischen zählen die beiden 27 Tage Lebensalter, haben bereits die ersten Flugübungen hinter sich und sind, wenn mich nicht alles täuscht, in die letzte Phase vor dem Abflug getreten: Abmagern bis zum optimalen Fluggewicht.

Ginger und Fred, die Eltern, sind im Nest kaum noch zu sehen. Vermutlich haben sie sich zu den anderen Mauerseglern gesellt, die jeden Abend ihre Screaming Partys feiern und sich in den Himmel hoch schrauben – um dort zu schlafen.

Mach’s gut, Drahtesel

Hast mich gut durch die Stadt, auf vielen Touren am Main und sogar zum Leuchtturm List auf Sylt gerollt. Gut, ok: Die letzten Jahre habe ich dich nachlässig behandelt. Wind und Wetter haben dir zugesetzt. Gerade hatte ich mir vorgenommen, dich zu putzen, dir eine neue Kette und neue Bremsen zu spendieren, da trennen sich vor ein paar Tagen unerwartet unsere Wege: An den Riederhöfen biste mir geklaut worden, als ich mal eine Minute nicht nach dir gesehen hab. Eins sag ich dir: Unter Tausenden würd ich dich erkennen, falls wir uns jemals wiedersehen. Ich halte die Augen nach dir offen.

Der nächste Sonnenaufgang

Gerade die Aufgeschlossensten unter uns – die Denker, Schriftsteller, großen Künstler und Philosophen – werden oft sehr alt. Es ist wohl so, dass nicht Lebensjahre oder körperliche Energie Menschen jung oder alt erscheinen lassen, sondern die geistige Haltung, dass also Menschen, die sich geistig niemals zur Ruhe setzen, auch körperlich und seelisch selten nachlassen. Sie bewahren sich stets eine Art kindlicher Neugier auf das, was kommt, und lauschen auf eine innere Stimme, die sie drängt und treibt, nur ja den nächsten Sonnenaufgang nicht zu versäumen.

H.P. (im Nachlass gefunden)