Tschüss, 2010

Anfangs warst du kühl, in der Mitte ziemlich nass und zum Ende hin lausig kalt. Du hast mir lustige Tage beschert und ernste, neue Orte gezeigt, alte Erinnerungen geweckt. Du hast mir ein paar Kilo Lebendgewicht genommen (und inzwischen zurückgegeben), hast mich getrietzt, herausgefordert und bewegt, hast mir eine Menge Aufgaben gestellt. 2010, du warst echt anstrengend! Ich glaube, du hast mich weit mehr als nur das eine Lebensjahr gekostet, das ich dir schuldig war. Nun biste selbst am Ende. Wir werden uns nicht wiedersehen. Aber ich denk manchmal an dich, bestimmt.

Im Kern

Eigentlich wollte ich das Buch gar nicht lesen. Ich konnte nie so recht etwas anfangen mit Christoph Schlingensief. Seine Aktionen fand ich oft eher verstörend, vermutlich eben, weil sie irgendwie entlarvend waren – diese Ausländer-raus-Sache mit den Asylbewerbern im Container kann ich mir bis heute nicht ansehen, ich würd‘ mich nur aufregen. Und die Operninszenierungen sind vermutlich einfach zu kompliziert für mich.

Vor ein paar Tagen habe ich das Buch dann doch mitgenommen, als ich nach dem Weihnachtsmarktbesuch noch im Buchladen auf der Neuen Kräme war: „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“, Christoph Schlingensiefs Krebstagebuch. Eine Diagnose, eine Krankheit, ein Schlag wie aus dem Nichts, und das Leben ist von einem auf den andern Moment auf den Kopf gestellt. Leben im Ausnahmezustand. Warum lese ich sowas? Kenne ich das nicht?
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Ich bin noch da

Oh. Du hier? Seltsam, dabei ist hier doch kaum noch etwas los. Es kommt sicher nicht mehr häufig vor, dass sich jemand hierher verläuft. Ich selbst bin auch viel zu selten hier. Die Zeiten, da dieses Blog seinem Namen gerecht wurde, sind lange vorbei. Woran liegt’s? Ach, es gibt einige Gründe.
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Hilfe!

Viele, die hier ab und zu vorbeikommen, kennen die Autorin und Webworkerin Carola Heine. Ich bin ihr vor gut zehn Jahren das erste Mal über den (virtuellen) Weg gelaufen, und kurze Zeit später saßen wir zum ersten Mal zusammen, mit anderen Bloggerinnen an einem langen Tisch in einer Düsseldorfer Kneipe. Als wir uns das letzte Mal trafen, diesmal in Frankfurt, ging es mir gerade nicht so gut – Carola drückte mir damals einen Schutzengel in die Hand. Während ich das hier tippe, steht dieser Engel schräg hinter mir im Regal. Ich geb ihn nicht mehr her.

Carola und ihre Familie hatten einen Schutzengel. Sie leben. Vor wenigen Tagen haben sie durch ein Feuer ihr Zuhause, ihre Existenz verloren. Carola, Oliver, ihre kleine Tochter, die Katze und der Kater – alle kamen heraus aus den Flammen, teilweise mit Verletzungen. Jetzt brauchen sie dringend Hilfe, um sich ein neues Leben aufzubauen.

Informationen, Spendenkonto, Bilder auf Abgebrannt. Wir helfen. Bitte helft.

Nur die Zeit vergeht

Wenn alles gut gegangen ist, wenn da drüben, auf der anderen Seite, wirklich alles so ist, wie manche Menschen glauben, dann kehrst du wohl eben von einem ausgedehnten Spaziergang mit deinen Vierbeinern zurück. Wahrscheinlich habt ihr den Weg durch den Wald hinterm Haus genommen, seid an der Lichtung nach Norden abgebogen, über den Kanal gesprungen und habt eure Runde über die sturmumwehten Klippen von Dorset gedreht. Wieder zuhause angekommen, wirst du dir hundert gute Bücher nehmen und dich gemütlich auf einem Sofa niederlassen, vor dir ein Teller mit einem ganzen Stapel Reibekuchen und Apfelmus, den du langsam und still genießt, es gibt keinen Hunger, dort, wo du jetzt bist. Du wirst ein Buch in einem Atemzug lesen und danach neunundneunzig weitere, ohne aufzublicken, und du würdest dabei die Zeit vergessen, wenn sie dort, wo du jetzt bist, überhaupt noch wichtig wäre. Du lebst, aber du alterst nicht. Du läufst, aber du wirst nicht müde. Du wartest, aber du spürst keine Ungeduld. Du hast alle Zeit der Welt, buchstäblich.

Hier waren es zehn Jahre, lange genug, sollte man meinen, um sich nur noch an solche Momente zu erinnern wie jene oben auf dem Kliff, und alles andere zu vergessen. Lange genug, um die Leerstelle nicht mehr zu spüren, aber so ist es nicht. Hier vergeht die Zeit, aber alles andere bleibt: die Fehler, der Trotz und die Sehnsucht.

Mitten im Leben

Manchmal hilft es ja, wenn man sich in festen Bahnen bewegen kann. Wenn es Rituale gibt, an denen man sich bei einer Trauerfeier festhalten kann: Wer wann was sagt oder tut, und was man bei so einer Gelegenheit eben nicht tut. Andererseits: Das alles über Bord zu werfen, kann sich sehr befreiend anfühlen.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich einmal am Bemalen eines Sargs beteiligen würde. Weiterlesen →