Dann sah ich, wie die Flugzeuge in die Türme flogen, wie die Häuser kurz darauf in sich zusammenfielen. Ich konnte die Koinzidenz kaum begreifen. Die Bilder ähnelten denen aus Chile so sehr, der Schock, die Überraschung waren ähnlich. Die amerikanische Arroganz hatte einen Schlag abbekommen. Sie fühlten sich auf einmal verletzlich. Als Einwanderin konnte ich zum ersten Mal mit ihnen trauern.
Und die Folgen des 11. September, der überbordende Patriotismus, der Krieg gegen Irak und die Art und Weise, wie er gerechtfertigt wurde, hat nichts an Ihrem neuen Zugehörigkeitsgefühl geändert?
Wissen Sie, die Menschen außerhalb der USA nehmen die große Bewegung gegen den Krieg in diesem Land nicht wahr. Millionen Amerikaner waren und sind gegen die Politik der Regierung Bush. … Natürlich haben wir im Moment diese Regierung und die Fundamentalisten in diesem Land, die Bush unterstützen. Aber zeitgleich gibt es eine große Zahl von Amerikanern, zu denen ich mich zähle, die dagegen sind. Die USA sind die einzig verbliebene Großmacht, deren fatale Politik man nur von innen heraus stoppen kann.
Das ist aber schwierig, wenn der Patriotismus selbst die Opposition erfasst und sich Leute wie Hillary Clinton hinter Bush stellen.
Hillary Clinton ist wie Condoleeza Rice, da gibt es gar keinen Unterschied. Etwas Ähnliches ist damals auch in Chile passiert. Nach dem Putsch hatten sich die Christdemokraten, die Kirche, alle auf die Seite Pinochets gestellt. Das war eine Frage der patriotischen Grundhaltung – schließlich empfanden sie es als Triumph, das Land vom bösen Marxismus befreit zu haben. Heute werden Sie in Chile nur noch wenige finden, die offen zugeben, dass sie Pinochet unterstützt haben. Die gegenwärtigen Umfragen in den USA zeigen ebenfalls, dass die Unterstützung für Bush abnimmt. Ich bin jetzt 61 und habe lange genug gelebt, um zu lernen, dass man Geduld haben muss. Die Rechten werden nirgends ewig an der Macht bleiben.
Das ganze Interview: „Ich stand auf der schwarzen Liste“
Erinnerungen: Ein Überlebender des Estadio Nacional
Chronologie: Der Militärputsch
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