Der Main macht sich breit

In Frankfurt ist der Main schon vor Tagen über die Ufer getreten, Straßen sind teilweise überspült, Barrieren schützen die Altstadt. Der Römerberg wird wohl trocken bleiben. Die Frankfurter spazieren an den Fluss, stehen gelassen hinter den Dämmen, halten Schwätzchen, und die Älteren erinnern sich: „Waaschde noch, 1342, als der Pegel faschd acht Meter houch stand …“ Und die ganz Alten winken ab: „Ach, des war doch gar nix gäje dreizäj null sechs. Als die Oalde Brick vum Wasser weggerisse worn is, während 500 Leit druff stande, unn etlich umkumme sinn.“ Weiterlesen →

Tschüss, 2010

Anfangs warst du kühl, in der Mitte ziemlich nass und zum Ende hin lausig kalt. Du hast mir lustige Tage beschert und ernste, neue Orte gezeigt, alte Erinnerungen geweckt. Du hast mir ein paar Kilo Lebendgewicht genommen (und inzwischen zurückgegeben), hast mich getrietzt, herausgefordert und bewegt, hast mir eine Menge Aufgaben gestellt. 2010, du warst echt anstrengend! Ich glaube, du hast mich weit mehr als nur das eine Lebensjahr gekostet, das ich dir schuldig war. Nun biste selbst am Ende. Wir werden uns nicht wiedersehen. Aber ich denk manchmal an dich, bestimmt.

Der gehört so

Habe gerade einen gutaussehenden Stiefel aus dem Regal im Schuhladen genommen, um ihn näher zu betrachten, als unvermittelt eine unbekannte Frau hinzutritt, mit dem Finger in Richtung Stiefel fuchtelt und laut vernehmlich „Igidd!“ ruft. Ich so: „Wie bitte?“ Sie so: „Doa hot doch tatsäschlisch jemand en oalde Schuh oafach ins Regal geschdellt. “ Ich so: — (*starre konsterniert den von mir gewählten Stiefel an*) Sie so (zur Verkäuferin): „Gucke Sie mol, ein gedrachener Schuh!“ Verkäuferin so (*nimmt mir wortlos den Stiefel aus der Hand, dreht und wendet ihn*) „Noa, der gehärt sou. Der muss sou aussäje.“ Und zu mir: „Wollese ma noischluppe?“ Ich entscheide mich spontan dagegen und für ein anderes Modell.

Im Kern

Eigentlich wollte ich das Buch gar nicht lesen. Ich konnte nie so recht etwas anfangen mit Christoph Schlingensief. Seine Aktionen fand ich oft eher verstörend, vermutlich eben, weil sie irgendwie entlarvend waren – diese Ausländer-raus-Sache mit den Asylbewerbern im Container kann ich mir bis heute nicht ansehen, ich würd‘ mich nur aufregen. Und die Operninszenierungen sind vermutlich einfach zu kompliziert für mich.

Vor ein paar Tagen habe ich das Buch dann doch mitgenommen, als ich nach dem Weihnachtsmarktbesuch noch im Buchladen auf der Neuen Kräme war: „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“, Christoph Schlingensiefs Krebstagebuch. Eine Diagnose, eine Krankheit, ein Schlag wie aus dem Nichts, und das Leben ist von einem auf den andern Moment auf den Kopf gestellt. Leben im Ausnahmezustand. Warum lese ich sowas? Kenne ich das nicht?
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Street View in Frankfurt

Das Haus, in dem ich wohne, musste Google bislang nicht verpixeln. Trotzdem wirken die Fenster meiner Wohnung und der Balkon irgendwie fremd. Und die Trinkhalle gegenüber, die gibt es auch längst nicht mehr. Kein Wunder: Google hat das Haus vor meinem Einzug fotografiert. Ein Blick auf die Plakate an der Litfasssäule zeigt, dass es im Frühsommer 2008 gewesen sein muss, als „Kungfu Panda“ in die Kinos kam.

Die Hauptwache kann man bei Street View noch mit dem Auto passieren, heute geht das nicht mehr. Auch hier war Google offenbar im Sommer 2008. Am Museumsufer zeigt das Filmmuseum (das heute geschlossen ist) bis Sommer 2008 Animes, das Städel präsentierte Stilllebenmalerei. In der Textorstraße in Sachsenhausen ist das neue Domizil der Frankfurter Rundschau im früheren Straßenbahndepot noch im Bau (Anfang 2009 zogen wir ein). Am nördlichen Mainufer indes scheint tiefster Herbst zu sein, als Google dort fotografiert.
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