Der kleine Unterschied

Mein Kollege Oliver und seine Frau trainieren gerade für den längsten Tag des Jahres. 3,8 Kilometer Schwimmen und 180 Kilometer Radfahren. Ach ja, und dann schnell noch ein Marathon. Gerade so, als ob die 42 Kilometerchen zu Fuß den Kohl dann auch nicht mehr fett machen würden. *püh*
Die beiden haben noch 147 Tage bis zum Ironman Germany in Frankfurt, und bis dahin führt Oliver Trainingstagebuch im Web. Wenn ich ja nicht wüsste, dass Triathlon eine Sache für mitunter durchaus liebenswerte, aber leider völlig durchgeknallte Masochisten ist, bekäme ich schon beim Lesen Lust auf ein solches Projekt. Aber halt, ich hab ja eins! Ein bisschen unspektakulärer, ok. Kürzere Strecken, na gut. Sechs oder sieben Kilometer, dreimal die Woche. Und nass werden will ich auch nicht dabei. Vielleicht… ja, vielleicht sollte ich ihn auch aufschreiben, meinen langen Lauf zu mir selbst, meinen harten, entbehrungsreichen Weg zur…
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S 9

Mit einem „Zschschsch“ geht die Tür der S-Bahn auf, und ich hol Luft, so schnell und tief ich kann. Ich steh meistens hier, gleich an den Tür. Abends will ich mich nicht setzen. Abends strecke ich mein Rückgrat, das sich zehn Stunden lang vor einem Monitor gekrümmt hat. Abends zieh mich wieder gerade. Und hole Luft. Bei jedem Halt saug ich den Sauerstoff ein, der sich mir und den anderen Fahrgästen, die sich in dem muffigen Waggon drängen, erbarmt.
Zschschsch. Ostendstraße. Draußen auf dem Bahnsteig wartet eine Frau, einen Hund an der Leine. Ein Mann rauscht an mir vorbei, steigt aus, geht auf sie zu. Bückt sich.
Der Schwanz wedelt mit dem Hund. So sagt man wohl. Passt auch. Der Hund ist nur Schwanzwedeln, so sehr freut er sich, sein Herrchen unter all den aussteigenden, fremd riechenden Menschen zu erkennen. Der Mann greift nach dem Kopf des Tieres, umfasst das Kinn, hebt das pelzige Gesicht zu sich hoch.
Die Frau steht und wartet.
Weil sie nicht weiß, wohin sie sonst schauen soll, schaut sie in die offene S-Bahn. Ihr Blick bleibt an mir hängen.
Ich sehe eine Frau, die auf einen Mann gewartet hat. Und die nun wartet, bis der Mann den Hund begrüßt hat. Noch hat er nichts gesagt. Nichts außer: „Na mein Süßer?“ Und: „Ja da bist du ja.“ Und: „Du süßer süßer süßer du.“
Ich seh zu ihr. Sie sieht zu mir. Sie lächelt mich an. Zuckt die Schultern, als wolle sie erklären: „Ja, so ist es halt.“
Zschschsch.
Die Fahrt geht weiter.
Ja, so ist es halt.
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Gestandene Männer

Es stimmt: Ich gäb was drum, den amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten spätestens nach der kommenden Wahl zurück im Kuhstall seiner Ranch in Texas zu wissen. Der aktuellen Kampagne der Demokraten kann ich dennoch nichts abgewinnen: Im Vorwahlkampf für die Präsidentschaftskandidatur wird jetzt ausgerechnet Bushs Drückebergerei vor dem Militärdienst gegen ihn ins Feld geführt.
Ich habe noch nie verstanden, dass eine Brust voller militärischer Orden jemanden besonders geeignet macht, eine Nation zu führen. Und ebenso wenig will mir in den Kopf, dass jemand, der dem öden Strammstehen nichts abgewinnen kann und stattdessen lieber blau macht, sich automatisch für das Amt des Präsidenten disqualifiziert.
Nun mag ja Hintergrund der Kampagne sein, Bushs Faible für die Feldherren-Pose als das zu enttarnen, was es ist: reine Show. Trotzdem: Wenn die Liste der Dinge, die für das wichtigste Amt dieses Planeten qualifizieren, statt dem Willen zum Töten zum Beispiel die Fähigkeit zum Windelwechseln enthielte, wäre mir wohler.
Bushmesser: Spiegel online misst Bushs Chancen für die Wiederwahl.
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