re-publica, Tag 3: Demokratisierung und Gedöns

So. Konferenz vorbei (für mich bereits am Freitagmittag, es folgte eine laaaaange Bahnfahrt ohne Internet, sehr erholsam), alle relevanten Passwörter sind geändert, der Hintern erholt sich langsam von den unbequemen Stühlen und ich bleibe vorläufig noch eine Zusammenfassung über eine Veranstaltung zum Thema Datenschutz schuldig und, hm, mal sehen, ein Fazit oder sowas. Übermorgen oder irgendwann.

Ein Gedanke schlüpfte mit durch die Tür, als ich am Berliner Hauptbahnhof in den ICE kletterte, oder vielmehr eine Frage, die irgendjemand gleich am ersten Tag in die Runde geworfen hatte:
Wenn es so ist, dass eine Handvoll A-Blogger das Bild von der Blogosphäre nach innen wie nach außen prägen, während der überwältigenden Mehrheit von wenig besuchten und unbedarft schreibenden Feld-, Wald- und Wiesen-Bloggern so gut wie keine Relevanz beigemessen wird – was bleibt dann eigentlich von all dem Freiheits- und Demokratisierungspathos, mit dem wir unser Tun (gerade auch auf solchen Konferenzen) so gerne umschreiben?

re-publica, Tag 3: Der Empfänger als Sender

Gegen Mittag heißt die Frage im Hauptsaal: „Der Empfänger als Sender – Der „Citizen Journalism“ lässt die Redaktion rotieren, doch bewegt er auch die Bürger?“ Auf dem Podium (von links): Jörg Kantel, Katharina Borchert, Falk Lüke (Moderation), Jens Matheuszik, Hugo E. Martin.

re-publica 2007

An einer Definition von „Citizen Journalism“ (im Laufe der Debatte setzt sich „Bürgerjournalismus“ durch – vermutlich wegen der leichteren Aussprache) versucht sich Martin (Readers Edition): Bürgerjournalismus sei, „wenn Bürger an Inhalten beteiligt sind“.

Kantel (Schockwellenreiter) hat „massiv Schwierigkeiten mit diesem Begriff“: Bürgerjournalismus sei nur dann Bürgerjournalismus, wenn der Bürger im Besitz der Produktionsmittel sei. Alles andere sei „Moppelkotze“ – oder „der Versuch, billigen Content von anderen zu bekommen.“

Borchert kann mit der Debatte wenige anfangen – für die WAZ-Onlinechefin ist das eine theoretische Diskussion, die hauptsächlich von Journalisten geführt werde und nicht von jenen, die „Bürgerjournalismus“ machen. So sieht es auch Matheuszik (Pottblog): „Ich würde mich nie als Journalist sehen und möchte mich auch nicht mit Journalisten an Zeitungen vergleichen.“ Er greife in seinem Blog die (regionalen) Themen auf, von denen er glaubt, dass sie in traditionellen Medien zu kurz kommen.

re-publica 2007Eben hierin sieht Borchert eine wichtige Aufgabe gerade für lokale Medien. „Das findet aber doch gar nicht mehr statt“, beklagt Kantel. Es würden nur noch massenkompatible Themen aufgegriffen. Dieses Vakuum könnten Bürgerjournalisten füllen. „Wir brauchen wieder den Verleger, der lokal vernetzt ist“, sagt Martin. Borchert verteidigt die etablierte Medienhäuser: Es gebe nun mal eine natürliche Bgrenzung dessen, worüber berichtet wird – schon aus Gründen des wirtschaftlichen Überlebens. Nicole Simon (im Publikum) moniert den Widerspruch, dass zwar an die klassischen Medienhäuser viele Forderungen gestellt würden, aber kaum jemand bereit sei, dafür zu zahlen.

Bei der WAZ sei eine Online-Plattform geplant, wo Leute ihr Blog einrichten und über ihre Region berichten könnten – aber nicht separiert von den redaktionellen Inhalten, sondern „eng vernetzt“. Es gehe darum, eine möglichst große Meinungsvielfalt darzustellen. Das entscheidende Format sei der Kommentar: Die Leute hätten das Bedürfnis, ihre Meinung zu äußern – und jetzt eben auch die technische Möglichkeit, dies öffentlich zu tun. „Das ging früher nicht.“

Oliver Gassner (im Publikum) fragt danach, wie WestEins mit zu erwartenden Rechtsproblemen im Zusammenhang mit Meinungsäußerungen umgehen wird. Damit habe man bereits Übung, so Borchert: „Wir haben auch jetzt schon mit Abmahnungen wegen Forenbeiträgen zu tun. Aber das wird uns davon nicht abhalten.“

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re-publica, Tag 3: Die Medien(r)evolution

Heute morgen geht es im Hauptsaal der Kalkscheune zunächst um „Die Medien(r)evolution – Wie überholt sind die alten Medien, wie innovativ die neuen?“ Auf dem Podium (von links): Thomas Knüwer, Tim Pritlove (Moderation), Mercedes Bunz, Jochen Wegner, Johnny Haeusler (nicht im Bild, weil er zu spät kam, was die Spekulation nährte, er sei ohnehin nur ein Avatar – aber das Gesicht ist ja hinlänglich bekannt.;)).

Wie hat das Web den Journalismus verändert? Das Podium nähert sich dieser Frage zunächst handwerklich: „Im klassischen, alten Journalismus war der Link das Telefon. Da wurde den ganzen Tag telefoniert. Heute heißen Quellen Links, aber im Grunde ist es das gleiche“, meint Bunz (Tagesspiegel). Ein Konferenzteilnehmer sieht da sehr wohl einen wichtigen Unterschied: Ein Journalist, der zum Telefon greift, recherchiere selber. „Einen Link setzen heißt einfach nur das Internet abgrasen.“ Bunz widerspricht: Um beispielweise das Ergebnis einer wissenschaftlichen Arbeit zu erfahren, könne man ebenso gut die Studie im Web nachlesen, statt den Forscher anzurufen. Das Spannendere sei jedoch, wie Zeitungen nach außen hin mit der Entwicklung umgehen.

Knüwer (Handelsblatt) sieht bei den Verlagen einen „kritischen Punkt erreicht“: Redaktionen seien im Begriff, sich zu zerteilen – in die Leute, die gerne multimedial arbeiten und die Freiheiten dieser Form des Publizierens genießen, und jene, die womöglich ihre Arbeitsplatz verlieren, die Ursache dafür im Internet sehen und den anderen vorwerfen, „da auch noch mitzumachen“. Knüwer nennt das einen „Kulturkrieg“ und prognostiziert: Der werde in den kommenden Jahren in den Redaktionen vollends ausbrechen.

re-publica 2007 Jochen Wegner (Focus Online) glaubt nicht recht an Online First: „Das ist irgendwie Unsinn.“ Der Alltag in den Redaktionen sehe anders aus. Im Zweifelsfall, wenn abends der Redaktionsschluss drückt, würde online eben nicht zuerst bedient – schon gar nicht, wenn es um „das große exklusive Merkel-Interview“ gehe. Bei Focus Online würden 50 Leute einen „Nahezu-24-Stunden-Betrieb“ zu stemmen versuchen. Natürlich werde viel Agenturmaterial verwendet, ebenso zahlreiche Artkel aus dem gedruckten Magazin, dazu gebe es aber täglich gut 20 eigene Geschichten.

Bunz begrüßt grundsätzlich die „Experimentierphase“, die in den Verlagen eingesetzt habe. Beim Tagesspiegel seien die Vorbehalte der Printredaktion gegenür Online deutlich zurückgegangen, die Kollegen seien aufgeschlossener, würden Artikel oder Langfassungen auch mal vorzeitig an die Online-Redaktion durchreichen. Knüwer stößt sich prompt an der Formulierung, fragt, warum eine Online-Redaktion darauf warten muss, dass Printkollegen etwas „reichen“, statt sich Texte „zu holen“. Bunz erinnert daran, dass Print und Online immer unterschiedlich produzieren werden – „es ist ein anderes Prodzuzieren in der Zeit, und das wird man nie rauskriegen.“ Hinzu komme, dass viele Verlage – einschließlich des Tagesspiegels – noch immer technisch schlecht ausgestattet seien. „Man kann sich kaum vorstellen, mit welchen grottigen Computersystemen man bei Holtzbrinck arbeitet.“

Torsten Kleinz, Online- und Print-Journalist, bricht eine Lanze für die Umfassenheit der „alten“ Medien: Wenn er sich unter Leute umhöre, die ausschließlich Blogs lesen, stelle er fest: Die sind teilweise erschreckend schlecht informiert.“ Blogs als ausschließliches Informationsmedium? Haeusler kann sich das nicht vorstellen, Knüwer ebensowenig. Eine sinnvolle Aufagenteilung sieht für ihn so aus: Das Internet liefert schnell alle Nachrichten, der Print bringt die einordnenden, erläuternden Hintergrundtexte. Wegner wirft ein: „Das kann ich aber doch online auch?“

Wo aber bleibt die (ohnehin nur in Klammern gesetzte) Revolution? Liegt sie in einem Gedanken, den ein Teilnehmer im Publikum äußert: Wird die Print-Ausgabe in Zukunft das Supplement der Online-Ausgabe sein? Wird man in Zukunft das Geld übers Internet verdienen?

Ob die Zeitung bestehen bleibe, hänge auch davon ab, wie sich die Trägermedien weiterentwickeln, meint Bunz. Bislang hätten beide Formen noch ihren Vor- und Nachteile, würden sich noch sinnvoll ergänzen, aber das könne sich ändern. „Ich selber lese gerne Zeitung“. Haeusler gesteht ebenfalls, dass er regelmäßig und gerne in der Tageszeitung blättert: „Ich mag die Haptik von Papier, ich bin ein Magazin-Junkie.“

Wie zum Beweis wird die erste (und angeblich einzige) Spreeblick-Printausgabe verteilt. Die Titelgeschichte auf dem Tabloid-Heft: „Print ist tot“. Das Editorial erklärt:

Print ist tot. Steht ja überall. Oft sogar gedruckt. Und da dachten wir uns, machen wir doch mal schnell Print! Bevor es ganz verschwunden ist.

Zur Frage nach der Revolution fällt Haeusler durchaus noch etwas ein: „Die Informationshoheit fällt.“ Es mag noch an der Qualität mangeln, „aber wir haben ja viele Jahre Zeit zum Üben.“

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re-publica, Tag 1: Brauchen wir eine Blog-Etikette?

Markus Beckedahl und Johnny Haeusler bei der Eröffnung: „Es hat nicht zufällig jemand ’n Laptop dabei?“
Republica 2007

Republica 2007
Republica 2007
Republica 2007

Kurz vor 16 Uhr, ich komme endlich dazu, einen Happen zu essen – und der einzige freie Platz, den ich in der Kalkscheune finde, ist der neben dem Videoschirm, auf dem Felix Schwenzel, mit dem Laptop auf einem Klodeckel sitzend, aus wirres.net dauer-liest. Mahlzeit.

Nette Idee: Sämtliche Veranstaltungen im Hauptsaal sind live kommentierbar – per SMS. Jede Kurznachricht wird auf einer Leinwand vorne dargestellt (ein, zwei Bilder davon auch hier). Der Vortrag von Torsten Kleinz über Trolle im Netz ist eben zuende gegangen, jetzt heißt das Thema: „Brauchen wir eine Blog-Etikette? Wieviel Verantwortung braucht das Netz?“ Auf dem Podium (Pännel, muss man ja heutzutage sagen): Stefan Niggemeier, Don Dahlmann, Rainer Kuhlen (Uni Konstanz), Johnny Haeusler (Moderation).

(„Warum sitzen die Trolle jetzt vorne?“, hat eben jemand auf die Leinwand gesimst.)

re-publica 2007 Die Ethik der Schweine ist der Stall, sagt Prof. Dr. Rainer Kuhlen von der Uni Konstanz. Oder anders ausgedrückt: Unser Verhalten hängt von unserem Aufenthaltsort ab, von unserem Umfeld, verdichtet sich zu Normen, Regeln, Etiketten – und irgendwann kommen die Philosophen und machen daraus Ethik. Wir bewegen uns im Netz, brauchen also Regeln für diesen Bereich. Eine Netiquette gibt es längst. Aber: Wenn sich jemand nicht dran hält, sind (wirksame) Sanktionen nicht durchsetzbar.

Don Dahlmann meint: Man wird immer zehn, fünfzehn Prozent Idioten haben. Für diese wenigen sollte man keine Regeln aufstellen, wenn sich mehr als 80 Prozent der Leute im Netz benehmen.

Kuhlen: Bloggertexte sind meist pragmatische Texte. Schwierigkeit: Man weiß bei der anonymen Leserschaft oft nicht, wie ein Text aufgefasst wird – das Haupt-Dilemma. Denn jeder Blogger sollte sich über mögliche Konsequenzen im Voraus Gedanken machen. Als Journalist schreibe ich aber doch vielmehr in einen anonymen Raum rein, meint Stefan Niggemeier. Kuhlen: Journalisten erwarten gar keine Reaktionen, Blogtexte dagegen sind auf Wirkung, auf Reaktion hin geschrieben.

Der Fall der bedrohten Bloggerin Kathy Sierra wird herangezogen, um über Vor- und Nachteile von Anonymität zu sprechen. Ein Verbot von Anonymität im Netz würde Kreativität, Spontaneität mindern, warnt Kuhlen.

Der Sierra-Verleger O’Reilly hatte nach dem Vorfall folgenden Bloggerkodex vorgeschlagen:

  • We take responsibility for our own words and for the comments
  • We won’t say anything online that we wouldn’t say in person
  • We connect privately before we respond publicly
  • When we believe someone is unfairly attacking another, we take action
  • We do not allow anonymous comments
  • We ignore trolls

Don Dahlmann: Wenn du das Internet nutzen willst, dann musst du auch damit rechnen, das andere es genauso nutzen – du kannst nicht nur das eine (das „Gute“) im Netz haben, ohne das andere, die Trolle, die Deppen usw.

Frage aus dem Publikum per SMS-Kommentar: Wenn man das alles zulassen kann/muss/soll, von was für Sanktionen reden wir dann? Welche Etikette macht Sinn, wenn man sie nicht durchsetzen kann?

Stefan Niggemeier: Ich habe gerade das dringende Bedürfnis, über Don Alphonso zu reden. In seinem Blog gelten bestimmte Regeln nicht – Kommentare werden, nach Vorankündigung, gelöscht, Quellen nicht verlinkt, um keinen Traffic zu generieren… Es gibt Leute, die sich andere Regeln geben, und die somit auch andere Diskussionen ermöglichen.

Thilo Baum (im Publikum): Hat es Sinn, Regeln aufzustellen, die die vorhin erwähnten fünfzehn Prozent Idioten eh nicht interessieren – denn die halten sich eben gerade an diese Regeln nicht?

SMS-Kommentar: Wir sind nicht im Krieg, wir schreiben Zeug auf Webseiten.

Thomas Wiegold (im Publikum): Mich stört an der Fragestellung, dass so getan wird, als seien alle Blogger über einen Kamm zu scheren. An große Blogs werden ganz andere Erwartungen gestellt als an kleine. Müssen wir bei Regeln nicht differenzieren?

Thilo Baum (im Publikum): Ich überprüfe jeden Kommentar auf medienrechtliche Relevanz. Blogger sollten sich in Medienrecht schlau machen – Beleidigungen, Schmähkritiken kann man auch als Laie erkennen, aber nicht, was darüber hinausgeht.

Don Dahlmann: Diese Herangehensweise ist für Blogs Quatsch – das ist der alte Gatekeeping-Gedanke, der so nicht mehr funktioniert.

SMS-Kommentar: Die Diskussion über die Blog-Etikette ist wichtiger als die Etikette selbst.

Marcel vom Parteibuch (im Publikum): Wir sollten lieber darüber nachdenken, wie wir die Regeln lockern können, die es schon gibt. Nicht jeder ist als Medienrechtler geboren. Jeder sollte lernen dürfen, jeder sollte eine Stimme haben können. Man darf in Deutschland viele wahre Dinge nicht behaupten, weil sie einen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht darstellen.

Thomas Wiegold (im Publikum): Die Blogosphäre funktioniert anders als ein Printmedium, deshalb kann man hier mehr zulassen. Heute Morgen habe ich einen heiklen Kommentar im Blog zugelassen, der als Leserbrief sofort in den Papierkorb gewandert wäre, und es geschah, was ich gehofft hatte: Die Behauptung (es ging um die Wehrmacht) wurde von anderen Kommentatoren sehr schnell konterkariert.

Don Dahlmann: Auch der Rezipient, der Blogleser, braucht Medienkompetenz – er sollte anfangen, über den Informationswert nachzudenken, sowohl bei klassischen Medien als auch bei Blogs, und diesen wichtigen Prozess haben Blogs angetrieben.

Karsten Wenzlaff (im Publikum): Blogger sind ein konservativer und schizophrener Haufen. Einige versauen die Reputation der Blogosphäre durch zweifelhafte Reklame – das gehört in eine Diskussion über Blog-Ethik auch hinein.

Johnny Haeusler: Über Werbung in Weblogs haben wir morgen ausreichend Gelegenheit zur Diskussion…

Das war’s von dieser Veranstaltung. Weiter mit Musik.

Disclaimer: Es handelt sich um sinngemäße Zitate, nicht notwendig wörtliche – ich bitte alle Erwähnten um Verständnis und um Hinweis, wenn sich jemand falsch wiedergegeben fühlt …