FR-Blog: Reset

So heiß, wie es im FR-Blog ein Jahr lang immer wieder hergegangen war, so still war es zuletzt darum geworden. Irgendwann rührten zu viele Köche in diesem Blogbrei, nicht immer taten sie es mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen. Auch die Idee, die FR-Volontäre gemeinsam unter dem Namen einer Kunstfigur bloggen zu lassen, war vermutlich nicht die allerbeste. Kurzum: Auch bei der Rundschau musste man erkennen, dass verordnetes Bloggen über Gott und die Welt irgendwie doof nicht das Wahre ist.

Trotzdem (oder gerade deshalb?): Das FR-Blog bekam innerhalb kürzester Zeit eine Fangemeinde, die zu einem großen Teil wenig bis nichts mit der Blogosphäre am Hut hatte. Manchmal war das ganz wohltuend. Offensichtlich fühlte sich vornehmlich eine Klientel angesprochen, die an politischen Diskussionen mehr Interesse hatte als an spezifischen Bloggerthemen, an Nabelschau oder WebZwoNull-Fachsimpelei – ebenso verhielt es sich übrigens bei den bloggenden Redakteuren. Insofern lag das FR-Blog herrlich „daneben“ – vermutlich ein Grund für seinen zeitweiligen Erfolg, und den hatte es, bei durchschnittlich 18 Kommentaren pro Beitrag, zweifellos.
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Abgründe

Stefan Niggemeier beschreibt in seinem Urlaubsdomizil, was sich derzeit bei Stefan Herre abspielt: Der hat ein in der Wuppertaler Schwebebahn geschossenes Foto von zwei Fahrgästen online gestellt – ein bärtiger Mann und eine verschleierte Frau – , betrachtet es offenkundig als Beleg für die islamistische Bedrohung Deutschlands und fordert seine Leser auf, zu Paparazzi in islamophober Mission zu werden: Sollte es PI-Leser geben, die ähnliche Beobachtungen in ihrer Stadt machen, freuen wir uns über jede aussagekräftige Zusendung. Ok, ist halt der Herre, mag man denken und sich angewidert abwenden. Und auch viele der Kommentare dort geben so erschöpfend Auskunft über die geistige Verfassung ihrer Urheber, dass jede Reaktion vergebliche Mühe ist. Durch die Sache mit dem Foto aber, das erklärtermaßen gegen den Willen der Abgebildeten gemacht, unter Missachtung des Persönlichkeitsrechts veröffentlicht und in einen Kontext mit islamistischem Terror gezerrt wird, bekommt dieser Abgrund eine erschreckende Dimension.

Und prompt taucht, unter anderem in den Kommentaren verlinkt, im Netz eine weitere Grafik auf. Jemand hat das Bild von dem bärtigen Schwebebahn-Fahrgast neben ein Foto eines Mannes mit einem Hisbollah-Kopftuch montiert und suggeriert, es handele sich um dieselbe Person. Unter dem Dateinamen hisbollahinwuppertalpt8.jpg kursiert damit das Foto einer Person im Netz, von der nichts weiter bekannt ist, als dass sie einen Vollbart trägt und an einem bestimmten Tag die Wuppertaler Schwebebahn benutzt hat.

In Fällen wie diesen könnten all die Abmahnanwälte ausnahmensweise mal richtig sinnvolle Arbeit leisten – und die Veranstalter solcher Hexenjagden nebenbei auch auf Lebenszeit aus dem Internet aussperren.

Update: Stefan Niggemeier berichtet heute, das Bild sei vom Bloghoster entfernt worden, und teilt mit, welche Auskunft er von myblog-Betreiber Nico Wilfer zu diesem Fall bekommen hat.

Update 2: Nein, ich bin nicht Bestandteil einer so genannten Protest-Welle – auch, wenn die Aufnahme dieses Beitrags in diversen Anti-PI-Aktionisten-Listen das nahe legt. Jemand ist hingegangen und hat offenbar alle zu „Erstunterzeichnern“ gemacht, die Technorati in diesem Zusammenhang ausgespuckt hat. Oder so. Eine Art der Vereinnahmung, die sich nicht wesentlich von den Pauschalierungen bei PI unterscheidet. Seufz.

Einblicke

Die Situation im Nahen Osten eskaliert mal wieder. Das tut sie ja gerne. Seit Jahrzehnten ist Gewalt im Nahen Osten eskaliert eine der am häufigsten verwendeten Floskel von Journalisten. Das Praktische an dieser Formulierung: Sie passt immer und ist neutral, denn es gibt kein handelndes Subjekt.

Heutzutage kann man auf vielen Wegen erfahren, was diese Eskalation im Alltag bedeutet. Blogger im Libanon und in Israel beschreiben ihre Lage:

Die Sirenen heulten wieder und wir rannten in den Flur. Es ist der einzige Ort in unserer Wohnung, der keine Wände, Fenster oder Türen nach außen hat. Wir hörten vier Raketenangriffe, zwei davon sehr nahe. Ich konnte nicht anders, ich brach in Tränen aus. Wenigstens waren die Sirenen diesmal vor den Bomben zu hören, so dass wir Zeit hatten, uns an einen sichereren Platz im Haus zurückzuziehen. Das einzige Geräusch, das ich jetzt höre, ist das der Krankenwagen. Carmia, Haifa

Keine Antibiotika, kein Strom, immer weniger Benzin. Kein Ausweg. Meine Neffen und Nichten schreien jedes Mal, wenn sie eine Bombe hören. Sie haben Angst zu sterben. Flüchtlinge aus dem Süden Beiruts und Libanons suchen überall Schutz, in öffentlichen Gärten, Schulen und leeren Gebäuden. Zadigvoltaire, Beirut

Lila zeigt, wie die Metallkugeln, von denen so viel die Rede ist, aussehen.

Besser Online

Pssst: Web 2.0 darf niemand sagen. So hätte es jedenfalls der Moderator der Auftaktdiskussion auf der journalistischen Tagung „Besser Online“gerne, die gerade in Berlin in die letzte Runde geht.

Der große Saal, in dem niemand Web 2.0 sagen soll, ist die zum Veranstaltungsort umgebaute Auferstehungskirche in Berlin-Friedrichshain, und oben über dem Podium verleihen die Pfeifen einer Kirchenorgel den Äußerungen der wichtigen Menschen darunter Gewicht und eine gewisse Autorität.

Weil also niemand das böse Wort vom Web 2.0 aussprechen soll, wird vielstimmig drumherum geredet. Denn drüber reden wollen irgendwie doch alle. Die Workshops über Publishing Tools, Blogs, Citizen Journalism, Pod- und Videocasts sind gerammelt voll, während im Klassiker „Qualität im Journalismus“ viele Stühle leer bleiben.

Statt von Web 2.0 und „user generated content“ ist hier also viel von Partizipation die Rede und von „Mitmach-Architektur“. Gut gefallen hat mir in diesem Zusammenhang das „Aal-Prinzip“: Andere arbeiten lassen.

(Übrigens, ein Kollege der Netzeitung hat eben das Projekt „20 Millionen Redakteure gesucht “ vorgestellt. Mehr dazu hier.)

Höre eben von der Messerattacke der vergangenen Nacht und bin doch froh, die Menschenmassen bei der Eröffnungsfeier des neuen Berliner Hautbahnhofs gemieden zu haben. Die Neugier wird mich spätestens heute Abend wohl doch dorthin treiben. Zum Auftanken. Und zum Nachdenken darüber, was eigentlich alberner ist: Permanent WEB 2.0 im Munde zu führen – oder das Wort auf den Index zu stellen und dann trotzdem über Nichts anderes zu reden….