re-publica, Tag 3: Die Medien(r)evolution

Heute morgen geht es im Hauptsaal der Kalkscheune zunächst um „Die Medien(r)evolution – Wie überholt sind die alten Medien, wie innovativ die neuen?“ Auf dem Podium (von links): Thomas Knüwer, Tim Pritlove (Moderation), Mercedes Bunz, Jochen Wegner, Johnny Haeusler (nicht im Bild, weil er zu spät kam, was die Spekulation nährte, er sei ohnehin nur ein Avatar – aber das Gesicht ist ja hinlänglich bekannt.;)).

Wie hat das Web den Journalismus verändert? Das Podium nähert sich dieser Frage zunächst handwerklich: „Im klassischen, alten Journalismus war der Link das Telefon. Da wurde den ganzen Tag telefoniert. Heute heißen Quellen Links, aber im Grunde ist es das gleiche“, meint Bunz (Tagesspiegel). Ein Konferenzteilnehmer sieht da sehr wohl einen wichtigen Unterschied: Ein Journalist, der zum Telefon greift, recherchiere selber. „Einen Link setzen heißt einfach nur das Internet abgrasen.“ Bunz widerspricht: Um beispielweise das Ergebnis einer wissenschaftlichen Arbeit zu erfahren, könne man ebenso gut die Studie im Web nachlesen, statt den Forscher anzurufen. Das Spannendere sei jedoch, wie Zeitungen nach außen hin mit der Entwicklung umgehen.

Knüwer (Handelsblatt) sieht bei den Verlagen einen „kritischen Punkt erreicht“: Redaktionen seien im Begriff, sich zu zerteilen – in die Leute, die gerne multimedial arbeiten und die Freiheiten dieser Form des Publizierens genießen, und jene, die womöglich ihre Arbeitsplatz verlieren, die Ursache dafür im Internet sehen und den anderen vorwerfen, „da auch noch mitzumachen“. Knüwer nennt das einen „Kulturkrieg“ und prognostiziert: Der werde in den kommenden Jahren in den Redaktionen vollends ausbrechen.

re-publica 2007 Jochen Wegner (Focus Online) glaubt nicht recht an Online First: „Das ist irgendwie Unsinn.“ Der Alltag in den Redaktionen sehe anders aus. Im Zweifelsfall, wenn abends der Redaktionsschluss drückt, würde online eben nicht zuerst bedient – schon gar nicht, wenn es um „das große exklusive Merkel-Interview“ gehe. Bei Focus Online würden 50 Leute einen „Nahezu-24-Stunden-Betrieb“ zu stemmen versuchen. Natürlich werde viel Agenturmaterial verwendet, ebenso zahlreiche Artkel aus dem gedruckten Magazin, dazu gebe es aber täglich gut 20 eigene Geschichten.

Bunz begrüßt grundsätzlich die „Experimentierphase“, die in den Verlagen eingesetzt habe. Beim Tagesspiegel seien die Vorbehalte der Printredaktion gegenür Online deutlich zurückgegangen, die Kollegen seien aufgeschlossener, würden Artikel oder Langfassungen auch mal vorzeitig an die Online-Redaktion durchreichen. Knüwer stößt sich prompt an der Formulierung, fragt, warum eine Online-Redaktion darauf warten muss, dass Printkollegen etwas „reichen“, statt sich Texte „zu holen“. Bunz erinnert daran, dass Print und Online immer unterschiedlich produzieren werden – „es ist ein anderes Prodzuzieren in der Zeit, und das wird man nie rauskriegen.“ Hinzu komme, dass viele Verlage – einschließlich des Tagesspiegels – noch immer technisch schlecht ausgestattet seien. „Man kann sich kaum vorstellen, mit welchen grottigen Computersystemen man bei Holtzbrinck arbeitet.“

Torsten Kleinz, Online- und Print-Journalist, bricht eine Lanze für die Umfassenheit der „alten“ Medien: Wenn er sich unter Leute umhöre, die ausschließlich Blogs lesen, stelle er fest: Die sind teilweise erschreckend schlecht informiert.“ Blogs als ausschließliches Informationsmedium? Haeusler kann sich das nicht vorstellen, Knüwer ebensowenig. Eine sinnvolle Aufagenteilung sieht für ihn so aus: Das Internet liefert schnell alle Nachrichten, der Print bringt die einordnenden, erläuternden Hintergrundtexte. Wegner wirft ein: „Das kann ich aber doch online auch?“

Wo aber bleibt die (ohnehin nur in Klammern gesetzte) Revolution? Liegt sie in einem Gedanken, den ein Teilnehmer im Publikum äußert: Wird die Print-Ausgabe in Zukunft das Supplement der Online-Ausgabe sein? Wird man in Zukunft das Geld übers Internet verdienen?

Ob die Zeitung bestehen bleibe, hänge auch davon ab, wie sich die Trägermedien weiterentwickeln, meint Bunz. Bislang hätten beide Formen noch ihren Vor- und Nachteile, würden sich noch sinnvoll ergänzen, aber das könne sich ändern. „Ich selber lese gerne Zeitung“. Haeusler gesteht ebenfalls, dass er regelmäßig und gerne in der Tageszeitung blättert: „Ich mag die Haptik von Papier, ich bin ein Magazin-Junkie.“

Wie zum Beweis wird die erste (und angeblich einzige) Spreeblick-Printausgabe verteilt. Die Titelgeschichte auf dem Tabloid-Heft: „Print ist tot“. Das Editorial erklärt:

Print ist tot. Steht ja überall. Oft sogar gedruckt. Und da dachten wir uns, machen wir doch mal schnell Print! Bevor es ganz verschwunden ist.

Zur Frage nach der Revolution fällt Haeusler durchaus noch etwas ein: „Die Informationshoheit fällt.“ Es mag noch an der Qualität mangeln, „aber wir haben ja viele Jahre Zeit zum Üben.“

Sollte sich jemand falsch wiedergegeben fühlen – bitte melden!

Auf der Zunge zergehen lassen

Die Redaktion habe ihr vorab versichert, sie positiv und sympathisch darzustellen, sich jedoch nicht daran gehalten,

zitierte dpa die Landrätin Gabriele Pauli, die nun erwägt, gegen die von „Park Avenue“ veröffentlichten Latex-Fotos rechtlich vorzugehen.

Erregung öffentlicher Erregung

Am Frankfurter Amtsgericht sprach eine Richterin in einem Scheidungsverfahren offenbar davon, dass die aus einem arabischen Kulturkreis stammende Ehefrau damit rechnen müsse, dass ihr Mann sie schlägt – siehe Koran-Sure 4, Vers 34 – und erkannte keinen Härtefall, der Bedingung für eine vorzeitige Scheidung wäre. Zitiert wird die Richterin so: „Für den marokkanischen Kulturkreis ist es nicht unüblich, dass der Mann gegenüber der Frau ein Züchtigungsrecht ausübt.“ Die – inzwischen vom Fall abgezogene – Richterin lehnte den Antrag ab, die Ehe vor Ablauf des vorgeschriebenen Trennungsjahres zu scheiden. Soweit die bislang bekannten Fakten.

Die Frankfurter Rundschau hatte den Fall Anfang der Woche publik gemacht. Am nächsten Tag erreichte die Geschichte die Startseite von Spiegel Online, von dort aus schwappten die Wogen weiter zu den anderen Nachrichten-Sites. Inzwischen werden Alice Schwarzer („Das geltende Rechtssystem wird seit langem systematisch von islamistischen Kräften unterwandert“), Necla Kelek („Apartheid“) und Seyran Ates („In Deutschland wird mit zweierlei Maß gemessen“) bemüht. (Ich schätze alle drei übrigens sehr.) Deutschland ist schockiert, befand Spiegel Online, nachdem man das übliche halbe Dutzend Stellungnahmen zusammentelefoniert hatte.

Inzwischen habe ich Bauchschmerzen bei dieser Geschichte. Was in der Aufregung mittlerweile fast unterzugehen droht: Die Richterin hat den Schlägen und Drohungen des Mannes ein Ende bereitet, und zwar, indem sie ein übliches juristisches Instrument angewandt hat: Sie sprach ein Näherungsverbot aus. Der Mann musste auf Abstand bleiben, und er soll sich daran gehalten haben. Möglicherweise hielt die Richterin die Frau durch diese Maßnahme für ausreichend geschützt – und lehnte deshalb ab, die Ehe schon vor Ablauf des Trennungsjahres zu scheiden. Man kann das für eine Fehlentscheidung halten. Wenn die Richterin sich bei dieser Entscheidung allerdings weniger von dem Verhalten des Mannes hat leiten lassen, als vielmehr von der Tatsache, dass das Paar dem muslimischen Kulturkreis entstammt, dann muss man es für eine Fehlentscheidung halten. Wie gesagt: wenn.

In der FR wird Hiltrud Stöcker-Zafari vom Bundesverband bi-nationaler Partnerschaften zitiert: „Der Verdacht bleibt, dass die Richterin bei einem Paar ohne ausländischem Hintergrund sofort auf Härtefall entschieden hätte.“ Hätte sie? Oder hätte sie nicht? Man weiß es halt nicht.

In der öffentlichen Diskussion spielen solche Feinheiten keine Rolle mehr. Hier muss der Fall als Beleg für die Verderbtheit der gesamten deutschen Justiz herhalten. Tag für Tag, so scheint es fast, werden in deutschen Gerichtsälen Entscheidungen auf der Basis des Korans getroffen. In den Kommentarspalten ist nachzulesen, was von der Geschichte beim Publikum angekommen ist: Eine Richterin urteilt nach der Scharia. Eine Richterin verweigert die Scheidung trotz schlagenden Ehemanns! Eine Richterin billigt Prügel!

Eines ist sicher richtig: Man muss sich stets bewusst machen, was einem blühen kann, wenn eine fragwürdige Entscheidung zwischen die Mahlsteine des schlagzeilenproduzierenden Gewerbes gerät.

Update: Gut wäre, wenn sich die Diskussion weitet und auf das Verhältnis zum Islam der meisten von uns erstreckt. Dazu könnte eine Erkenntnis gehören, die Peter Michalzik so formuliert: „Multikulturalismus und Islam können nicht koexistieren, wenn der Islam den Koran wörtlich nimmt – was er tut und immer mehr tut.“

Kooperationen

Alle paar Monate wiederholt sich ein Ritual in den Redaktionsstuben:
Darf man dieses Video verbreiten?

„Das zeigen doch alle.“
„Und die, die es nicht zeigen, beschreiben es.“
„Also ist es albern, darauf zu verzichten.“
„Außerdem hat es dokumentarischen Wert.“

Am Ende spielen alle mit. Kaum jemand wagt, ausnahmsweise einmal nicht mitzubieten auf diesem Basar der Aufmerksamkeiten (und einigen ist es nicht mal peinlich, dabei im Brustton der Überzeugung zu behaupten, es ginge um die Aufklärung der Öffentlichkeit). Medien sind kalkulierbar. Terroristen können sich drauf verlassen.

Nachrichtenmaschine

Inzwischen bin ich fest davon überzeugt, dass Tom Buhrow am Rücken einen Münzeinwurf-Schlitz hat und zwischen zwei Tagesthemen-Sendungen in einer Kammer neben dem ARD-Studio abgestellt wird.