wenn man nach dem Werkstattbesuch einen vergessenen Schraubenzieher unter der Motorhaube vorfindet?
Leben
Letzter Tag heute*
Was für ein Jahr.
Prall gefüllt mit allem, was sich fühlen lässt. Ein Drahtseilakt, ein ungestümer Tanz bis ganz ans andere Ende der Fahnenstange. Ohne doppelten Boden, dafür mit diesem steten Ziehen in der Magengrube. Ein heilloses Flattern, ein leise flüsterndes Gewissen, ein Herz, das auf sein Recht pocht. Eine geradezu unverschämt sichere Gewissheit. Ein Wahnsinns-Sprung.
Ich habe keinen Fallschirm dabei.
2003, zusammengefasst:
Versucht: Ich habs. Und ich wurde. :)
Gelernt: Dass auch Millionen Menschen einen einzelnen Verrückten nicht aufhalten können, solange er dejenige ist, der die Knarre in der Hand hat.
Erreicht: Mehr als genug. Nicht, dass mir der Ehrgeiz fehlt, aber man muss sich ja auch noch steigern können. ;-) Auf den letzten Drücker hab ich sogar das Laufen wieder angefangen.
Geirrt: In einem Punkt, vielleicht, meine Kräfte und Möglichkeiten überschätzt.
Berührt: Von einem Wiedersehen in einer Frankfurter Kneipe. Von einem Mega-Konzert in der Hamburger AOL-Arena. Von einer Berliner Straße, die Geschichte erzählt. Von dem Sonnenlicht, betrachtet aus dem Inneren des Doms in Florenz, rücklings auf dem Boden liegend. Von einer Umarmung an meinem Geburtstag. Von der Treue eines Seepferdchens. Und vom Lebenswillen einer greisen Hündin.
*Hermann van Veen
Oh wie schön ist Panama
Man darf auf der Welt nichts zu verlieren haben. Nicht mal das Leben.
Der traurig-lustige Zeichner Janosch weiß, wovon er spricht, musste er sich doch offenbar durch eine schwere Kindheit, durch religiöse Folter, durch Krankheit und Armut leben, bevor er den kleinen Tiger und den kleinen Bären auf den Rundweg ins vermeintliche Panama schickte.
In einem Interview erzählt Janosch von einem Nahtoderlebnis: Bekam eine Injektion in die Mitte des Brustbeins, und dann segelte ich aus meinem Körper in einem Lichtstreifen rechts raus. Der Arzt schüttelte mich, und ich fiel aus dem Licht wieder zurück. Währenddessen war jeder Schmerz weg, und es gab keine Spur von Furcht. Eher Heiterkeit.
Klischee, denkt man sofort. Aber daran glauben würden die Menschen ja schon gerne. Daran, dass der Tod nicht finster und grauslig, sondern hell, warm und erlösend daherkommt.
Vor Jahren fiel ich in Ohnmacht, weil ich mir mit einem Brotmesser in die Hand gesäbelt hatte. (Jaja. Ich war noch jung und sensibel.) Ich lag bewusstlos in einem abgedunkelten Raum auf den Fliesen und nahm doch mit allen Sinnen die Wärme und das Licht wahr, das mich umgab. Alles war gut, bis diese Stimmen auftauchten, die alle durcheinander und auf mich ein redeten und immer lauter wurden. In meinem Kopf seufzte es „Menno. Grad, wo es so schön ist.“, und im nächsten Moment schlug ich die Augen auf und sah mich von meiner Clique umringt. Jahre später erinnerte ich mich daran, als ich in das heitere Gesicht meiner gerade gestorbenen Mutter schaute.
Man darf auf der Welt nichts zu verlieren haben. Hm. Jedenfalls lebt es sich ohne Angst wesentlich leichter.
Erkennungszeichen
Heute morgen beim ersten Gassigehen den schönsten Weihnachtsbaum der gesamten westlichen Hemisphäre entdeckt – und sogleich zur späteren Abholung reserviert. Leider, ohne einen Namen zu hinterlassen. Doch die Baumverkäuferin wusste sich zu helfen, als sie das Schildchen beschriftete:

Kollegen fürs Leben
Wer fünf Tage die Woche zusammensitzt, womöglich noch im Großraum, kennt sich. Es soll Kollegen geben, die merken sogar am Fall der Haare, wenn du das Shampoo wechselst.
Schreibt Nicola Holzapfel im Lockbuch (leider erst, nachdem sie sich durch das unvermeidliche Oh-Gott-Weihnachten-kommt-immer-so-schnell-was-schenke-ich-dieses-Jahr-denn-bloß gearbeitet hat. Werde ich je erleben, dass eine Vorweihnachtszeit ohne Kolumnen dieser Art auskommt?).
Zurück zum Großraumbüro. In so einem sitze ich nämlich auch. Ein Büro mit sieben oder acht Schreibtischen, so genau weiß das keiner mehr, seit vor einigen Jahren die nordwestlich gelegene Ecke des Raumes unter einem Papiergebirge verschwunden ist. Klappernde Tastaturen, klingelnde Telefone, leise brummende Rechner, ein ratterndes Faxgerät, ein asthmatisch hustender Drucker, eine gurgelnde Espressomaschine, ein nörgelnder Infografiker, der zwischen zwei Charts mit Papierkügelchen um sich wirft – eben genau so, wie alle sich eine Zeitungsredaktion vorstellen, die mit Lou Grant aufgewachsen sind.
Irgendeinem ist immer zu kalt, einem anderen immer viel zu warm, ein ganz Bestimmter beschwert sich immer über den Lärm, der von der viel befahrenen Stiftstraße durch die gekippten Fenster heraufdringt. Irgendeiner hat immer gerade einen verrückten Link entdeckt und beglückt alle anderen damit, irgendwer kommt immer gerade kopfschüttelnd aus einer Konferenz zurück, in der es immer um Kommunikationsprobleme oder fehlende Transparenz oder beides ging, irgendeiner hat immer gerade frei und irgendwie dann doch nicht und weist per Mail auf dead links in unserem Internetauftritt hin, diesem gemeinsamen Baby, um das sich alles dreht. Immer hat das Mittagessen niemandem geschmeckt und irgendwer muss immer mal eben uff de Gass und frische Luft schnappen oder neuen Kaffee besorgen oder zur Post oder zur Bank oder kannste mir mal einen Fünfer leihen? Nachdem ich den Anfang gemacht hatte, haben bald alle mal den neuen Billigfriseur von gegenüber ausprobiert, wobei meinem zugegeben unkundigen Auge auf den kurz geschorenen Köpfen der Kollegen nie ein Unterschied zu vorher auffällt – sie alle hatten schon vorher diesen ratzekurzen Flowbee-Schnitt.
Hach, ich mag sie einfach. Den asketischen Japanologen, der in der Kantine meist den Fisch nimmt; den genussfreudigen Workaholic mit dem Chaos im Kopf und im Terminkalender und auf dem Schreibtisch (ja, das ist der in der nordwestlichen Ecke), den ebenso fleißigen und gelassenen Vater von zwei kleinen Kindern, den wissbegierigen Neuen in der Runde. Sogar den Infografiker, auch, wenn er seine Wochenenden auf dem Hochsitz im Wald verbringt. Jedenfalls, solange er im Büro nur mit Papierkügelchen schießt.
Einen lieben Kollegen wirst du … immer vermissen, hat Nicola Holzapfel festgestellt. Das stimmt.
Weckdienst
Die Vögel da draußen im feuchten Nebel suchen scheinbar einen Weg, sich gelegentlich bei uns für die ZEREALIEN im Futterhäuschen zu bedanken. Heute früh kamen sie auf eine ganz bezaubernde Idee.
„Es klopft“, echot es ein paar Mal in meinen Traum (diesmal kam wenigstens kein Kamel darin vor). „Es klopp – klopp – kloppft.“ Wie ein betrunkener Gummiball taumele ich aus dem Bett, öffne die Wohnungstür und starre in ein menschenleeres Treppenhaus – glücklicherweise, denn ich auf meinem Kopf herrscht das übliche morgendliche Durcheinander. Schulterzuckend mache ich mich auf den Rückweg ins Land der mollig-warmen Biberbettwäsche – da klopft es erneut. Ich folge dem Geräusch, ziehe die Jalousie im Schlafzimmer hoch – und da sitzt sie, Misses Meise, festgekrallt an der Hauswand, tackert ihren Schnabel in den Putz, sieht mich überrascht an, und ihre kleinen Vogelaugen zwinkern mir zu: „Na, auch schon wach?“
Und das an einem Sonntagmorgen.
Ich schwöre, wenn es so etwas wie Reinkarnation gibt, dann muss das meine Mutter gewesen sein.