Zweiter Frühling

Ich bin neu hier. Naja, nicht mehr ganz, aber im Vergleich zu manchen Netz-Pionieren bin ich doch noch grasgrün hinter den Ohren. Meinen ersten Kontakt mit der Onlinerei – nicht mit dem Internet! – hatte ich im September 2001, und in den frühen Nachmittagsstunden des 11. jenes Monats wurde ich durch gewisse Ereignisse sehr unsanft ins stürmische Wasser des Nachrichtenmachens im und fürs Web geschubst. Meine erste eigene Website ging kurz danach online, und die Bloggerei begleitet mich auch erst im zweiten Frühling (wenn auch in den dritten Sommer).

Und heute? In meinen Träumen kommen immer mal wieder auch die „nur“ virtuellen Bekanntschaften vor. Ein paar (der Bekannten, nicht der Träume!) haben sich in höchst angenehmer Weise materialisiert – teilweise mit einem Affenzahn und weitreichenden Folgen, teilweise in aller Gelassenheit und mit der Geduld, die es bei einem schüchternen Menschen wie mir (sic!) eben braucht. Ich freu mich über beides und genieße intelligente Plaudereien auf den vielen Raststätten der Datenautobahn ebenso wie durchgelachte Nachmittage in der Meatworld mit einem PS, das ein paar Tage später per Post nachgereicht kommt.

Leb ich online? Auch. Aber Gott sei Dank nicht nur.

Weckdienst

Schönen guten Morgen. Dies ist ein Tag Ihres Lebens, vielleicht der letzte. Sie können ihn damit verbringen, sich aufzuregen. Gründe fänden sich sicher genug. Die wieder mal verspätete Bahn. Das teure, aber dafür schlechte Kantinenessen. Der uneinsichtige Chef. Die nicht bezahlten Überstunden. Kunden, die nicht zahlen. Lieferungen, die sich verzögern.

Geschlossene Schalter. Autofahrer, die auf Radwegen parken. Leere Akkus. Unliebsame Besucher. Oberflächliche Gesprächspartner. Menschen, die sind, wie sie sind, und sich partout nicht ändern lassen.

Sie können mit dem Schicksal hadern und den Tag wegwerfen. Sie können sich auf Ihre Stärken besinnen und Pläne für die Zukunft schmieden.

Wie hätten Sies denn gern?

Standard

Weißt du, ich will ja gar nicht viel im Leben, höre ich heute bei Saturn einen blutjungen Kerl zu einem Kollegen sagen. Nur das, was man eben so erwartet. Gutes Einkommen, Auto, Urlaub, ein Haus und so. Was das und so beinhaltet, habe ich mir lieber gar nicht erst ausgemalt.

Die südlich-des-Äquators-Version des gleichen Gesprächs hätte sich wohl so angehört:
Weißt du, ich will ja gar nicht viel im Leben. Nur eine Handvoll Reis, und die Gewissheit, dass mir die Kinder morgen nicht verhungern.

Jaja. Ich weiß. Der Begriff Standard ist dehnbar. Ich und so ziemlich die meisten, die das hier lesen, kennen eben nur das lange Ende des Tisches. Ich gestehe: Auch ich träume von einem Haus, mit einem alten Schreibtisch drin, an dem ich sitze und schreibe, und einem Fenster, durch das ich das nahe Meer rauschen höre und die Möwen schreien. Irgendwann. Bestimmt.

Nachricht von Mom

Siebenstein sagt, sie sei wieder da gewesen.
Siebenstein gehört zu den Menschen, die sich mit Tieren unterhalten können und die Anwesenheit von Verstorbenen wahrnehmen.
Ich selbst hab dazu so gar kein Talent. Ich rede zwar mit meinen Tieren, aber die antworten mir nicht. Jedenfalls nicht so, wie ich es gerne hätte. Bei mir sind das eher kurze Unterredungen: Meine Augen sagen: „Sooooofoooort runter da!“ Und sie geben mir zu verstehen: „Pah.“ Wenn Siebenstein sich dagegen mit Misses Large und Misses Little unterhält, muss man regelmäßig eine Rednerliste führen.
Siebenstein jedenfalls ist sicher, sie sei wieder da gewesen. Meine Mutter habe am Bettrand gesessen, während ich schlief, „Mein Kind, es ist alles gut“ zu mir gesagt und mich auf die Stirn geküsst.
Ich glaube das. Auch, wenn Siebenstein weder „Wieder viel zu spät ins Bett!“ noch „Wer nachts feiert, kann auch morgens aufstehen!“ gehört haben will – ich glaube dennoch, dass sie da war. Wer möchte das nicht: Glauben, dass alles gut wird.
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Nachtschicht

3.15 Uhr. Etwas weckt dich. Irgendetwas. Vielleicht Katzenkrallen, die an der Schlafzimmertür kratzen. Oder ein Betrunkener, der draußen lautstark über verpasste Chancen schimpft. Vielleicht ist es eine Windböe, der am Fenster rüttelt. Oder du bist vor einem Bild aus deinem Traum davongelaufen.

Du lauschst, nach außen und nach innen. Nichts. Du drehst dich um. Wartest auf das Ende der Schlafpause.

Wartest.

Und wartest.

Diese Sache fällt dir ein. Irgendeine Sache. Vielleicht ein wichtiges Projekt, an dem du gerade arbeitest. Oder ein unerfreuliches Telefonat, das du geführt hast. Vielleicht sind es nur die sieben Dinge, die du am nächsten Tag erledigen und deretwegen du früh aus den Federn musst. SEHR früh.

3.45 Uhr. Die Gedanken in deinem Kopf haben sich warm gelaufen. Jetzt ziehen sie ihre Kreise, unaufhaltsam. Zwanzig Minuten später hast du das anstehende Projekt von allen Seiten beleuchtet, sämtliche Problemfelder analysiert und gedanklich eine Liste mit offenen Fragen zusammengetragen. Du drehst dich auf die andere Seite, schiebst das Kopfkissen zurecht und wartest.

Und wartest.

Um 4.15 Uhr hast du die to-do-Liste für den kommenden Tag in Gedanken fertig und pinnst sie dir hinter die Stirn. Während du dich umdrehst, fällt dir ein, dass du etwas Wichtiges vergessen hast. Du nimmst die Liste ab, schreibst sie im Kopf neu und hängst sie wieder auf. Deine Lieder fühlen sich bleischwer an, und das, obwohl deine Augen geschlossen sind.

4.30 Uhr. Irgendwo hast du falsch geklickt. In deinem Gehirn öffnen sich lauter Popup-Fenster. Szenen aus dem Film, den du dir am späten Abend ja unbedingt noch hast anschauen müssen. Die Bilder der Überwachungskamera aus der Bibliothek der Columbine Highschool in Littleton sind schwer wie überladene Umzugskartons. Nur mühsam kannst du sie zur Seite schieben. Du drehst dich um. An was anderes denken. Irgendwas!

Die Mails. Gegen 4.45 Uhr fallen dir die unbeantworteten Mails ein. Fast erleichtert beginnst du, sie in Gedanken schon mal auszuformulieren. Drehst dich wieder um. Das Kissen legst du nicht mehr zurecht. Du schlägst es.

Langsam wird es knapp. Wenn du nicht bis 5 Uhr wieder eingeschlafen bist, hast du keine Chance, die ersten Flieger in der Anflugschneise auf Rhein-Main zu überhören.
Die Flugzeuge sind pünktlich. Um 5 Uhr bist du glockenhellwach. Sämtliche Argumente gegen Dumpingpreise bei Flugtickets stehen stramm und marschieren darüber hinweg, dass du gerade gestern noch über einen verlockend günstigen Wochenendflug nach Montpellier sinniert hast.
Und dann, gegen 5.45 Uhr, ganz beiläufig, passiert es doch noch. Der Schlaf kommt, und das tut er wie ein alter Bekannter, der Stunden zu spät zu einer Verabredung erscheint und ohne jedes Schuldbewusstsein sagt: Hey – was guckst du? Sei froh, dass ich überhaupt noch komme!

Eine Viertelstunde später reißt der Wecker dich in einen furchtbaren Morgen.