Standortwechsel

Nach zweieinhalb Jahren in dem trutzigen Rundbau „Colosseo“ am südlichen Mainufer zieht die Frankfurter Rundschau nun einige Straßen weiter zum Südbahnhof. Das neue Domizil in der Textorstraße ist an ein ehemaliges, saniertes Straßenbahndepot angedockt und heißt deshalb „Depot“. Rundherum viele Cafés, Kneipen, Läden – mitten in Sachsenhausen.

Tschüss Depot Mein Schreibtisch

Mit dem Umzug gehen weitere Veränderungen einher. Ich wechsle von der Online- in die Politikredaktion, betreue dann den Online-Auftritt für dieses Ressort. Ein eigenes Büro werde ich nicht mehr haben: Mein Arbeitsplatz ist künftig ein 700 Quadratmeter großer Saal, in dem noch rund 80 weitere Kolleginnen und Kollegen sitzen, tippen, telefonieren, ausdünsten. Der „Newsroom“ soll schallgedämpft sein, und ein erster Praxistest vor Ort ergab: Das ist er wirklich. (Zugegeben, bei diesem Test gab es auch noch nicht so arg viel Schall, der gedämpft werden musste. Die echte Bewährungsprobe kommt nächste Woche. )
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Spuren

Keine ElbvertiefungDas Alte Land liegt im Winterschlaf. Tausende von Apfelbäumen recken ihre nackten Gliedmaßen in den Himmel wie Skelette. Die Obstbauern nutzen die Zeit, um Wassergräben zu entschlicken, und hinterlassen dabei eine pechschwarze Dreckspur an den Straßen. An jedem dritten Haus ragt ein Protestschild aus dem gefrorenen Boden: „Keine Elbvertiefung – wir wehren uns“.

Seltsam: Kaum ist man auf bekanntem Terrain, geht man wie ferngesteuert die vertrauten Wege – auch wenn es andere gibt. Scheinbar ist unser Bedürfnis nach Wiedersehen, nach Wiederkennen übergroß. Und wenn sich dann etwas verändert hat – eine Gasse ist zu einer Straße herangewachsen, manche Läden, ja ganze Häuser und Restaurants sind verschwunden, neue entstanden – fühlt sich das an wie ein gebrochenes Versprechen.

ReeperbahnDie Elbe-Fähre hat ihren Betrieb eingestellt. Den Garaus gemacht hat ihr wohl die Hamburger S-Bahn, die jetzt bis tief hinein in die erste Meile des Alten Landes fährt. Ohne Umsteigen von Stade auf die Reeperbahn: Nahverkehr halt.

Fischmarkt in StadeDie knapp einstündige Fahrt bietet viel Zeit zum Gucken, in Gesichter, die nahezu allesamt – mit Ausnahme der ganz Jungen – Geschichten erzählen. Ich glaube, dass jedes tiefe Gefühl, sei es Trauer, Schmerz, Freude oder Leidenschaft, dauerhaft seinen Platz in einem Gesicht einnimmt, auch in jenen, die auf den ersten Blick einfach nur müde aussehen oder sich hinter grellen Farben verbergen. Wie man den Händen die Arbeit ansieht, die sie verrichten, so sieht man jedem Gesicht das Auf und Ab des Lebens an. So soll das sein.

Road Movie

Lüneburg. Vor gefühlten zehn Jahren bin ich mal hier gewesen zu einem privaten Besuch, und neben anderem erinnere ich mich, dass ich die Altstadt damals ziemlich schön fand. Aus Spaß steige ich in einem Hotel ab, das Schauplatz einer ARD-Serie ist. Am ersten Morgen eine Überraschung: Über Nacht hat es geschneit.

Altstadt Lüneburg Altstadt Lüneburg

Die kopfsteingeplasterte Gasse draußen vor dem Hotel ist in ein unnatürliches, gleißendes Licht getaucht. Menschen mit tief ins Gesicht gezogenen Mützen wuseln hektisch herum, Kabel schlängeln sich übers Pflaster, Kameras sind aufgebaut, ein Mann trägt schwer an einem Mikro an einer gut drei Meter langen Angel. „Wir machen bitte eine technische Probe“, ruft eine Frau in ein Walkie-Talkie.

Die Darsteller sind in hässliche blaue Dauenmäntel gehüllt, halten sich verzweifelt an etwas Warmem fest und schlottern trotzdem. Die Szene, die abgedreht werden soll: Die beiden Schwestern Tanja und Jule gehen, ins Gespräch vertieft, eine Straße entlang und treffen dort auf ihren Vater Thomas. „Hallo ihr beiden“, wiederholt Gerry Hungbauer (Thomas Jansen) wieder und wieder. Farbige Kreuze auf dem Boden markieren, wo alle drei stehenbleiben sollen.
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Angst essen Seele auf

Der junge Mann da neben mir ist Robert Basic. Wir waren kürzlich zusammen im Frankfurter Museum für Kommunikation zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Der zunächst irritierende Titel: „Das neue Netz“. Neu?

Es ging um Web 2.0 in vielen Erscheinungsformen, und für einen Teil des Publikums mag die eine oder andere Anwendung durchaus neu gewesen sein. Letztlich muss man aber auch nicht zwingend selbst twittern, flickern oder einen Avatar haben, um darüber nachzudenken, „wie das Internet die Gesellschaft verändert“ – so der Untertitel der Veranstaltung.

Die Diskussion drehte sich dann doch mehr darum, wie das Netz die Medien verändert – und hier vor allem mit Blick auf Gefahren, weniger auf Chancen. Chancen, die darin liegen, dass Medienkonzerne ihre Machtposition einbüßen, nicht mehr über Veröffentlichung oder Nicht-Veröffentlichung von Themen entscheiden, nicht mehr in dem Maße gebraucht werden wie vor zehn, fünfzehn Jahren – und dass unsere Arbeit mehr denn je unter öffentlicher Kritik steht (eine bittere Wahrheit, die manche Print-Journalisten immer noch nicht realisiert haben). Klar ist das alles bedrohlich – für Verlage. Die haben noch kaum die Medienkrise vom Anfang des Jahrhunderts verdaut, da krebsen sie erneut vor sich hin, streichen Budgets und Personal zusammen, dampfen Redaktionen ein und suchen ebenso verzweifelt wie vergeblich nach einem Geschäftsmodell fürs Netz. Vielen fällt dabei nicht mehr ein als – noch ’ne Komjuhnitiii.

Und wenn wir ehrlich sind: Hätten Renate Ehlers, Leiterin der Intendanz beim Hessischen Rundfunk, oder ich an diesem Abend ein tragfähiges Konzept für die Zukunft der klassischen Medien in der Tasche gehabt, wir wären inzwischen wohl mit goldenen Nasen ausgestattet. Inmitten dieser Ratlosigkeit haben Öffentliche-rechtliche ja immerhin noch den Vorteil, mit dem Finger auf die Politik zeigen zu können („Rundfunkstaatsvertrag!“), während Printmedien so schnell keinen anderen Schuldigen finden außer sich selbst oder – in letzter Zeit seltener – das böse Web. (Bascha Mika, Chefredakteurin der taz, die ich auf der Buchmesse eben dieses Klagelied über die Kostenloskultur im Internet und die furchtbaren Folgen für Qualitätsmedien anstimmen hörte, dürfte inzwischen die Ausnahme sein.)

Aber wenn man schon nicht weiß, wie es weitergeht, könnte es ja mal mit einem Ausschlussverfahren versuchen und formulieren, wie es auf keinen Fall weitergeht. Nämlich so: Noch weniger Geld in Journalismus investieren. Noch weniger Fachleute beschäftigen. Noch billiger Inhalte produzieren. Noch mehr bei Wikipedia abschreiben, ohne sich um die Spielregeln zu scheren (Matthias Schindler, der ebenfalls auf dem Podium saß, kann davon ein Lied singen). Leider scheint aber genau das der Weg zu sein, für den sich viele Medienkonzerne gerade entscheiden; eine Entwicklung, vor der an diesem kalten Winterabend in Frankfurt auch Verena Kuni, Kunst- und Medienwissenschaftlerin an der Goethe-Universität, dringend warnte.

Die wichtigste Frage aber erörterten Robert Basic und ich am Rande und ganz unter uns – nachdem er gehört hatte, dass ich auch 2009 Mitglied der Jury für den Grimme Online Award sein werde. Das Ergebnis dieser Verhandlungen darf dann im Frühsommer 2009 durchs Blog-Dorf getrieben werden.


Robert Basic, ich, Renate Ehlers

Da draussen

Jenseits der Tür
Auf der anderen Seite der Tür ist ein anderes Leben. Zwei Treppen, dann die Haustür, die täglich viele Male mit einem lauten Rumms ins Schloss fällt, wenn eine meiner Nachbarinnen, einer meiner Nachbarn kommt oder geht.

Die Stadt pulsiert da draußen. Alles ist anders – der Rhythmus, die Dimensionen … Man gewöhnt sich erstaunlich schnell. An lange Öffnungszeiten, U-Bahnen im Fünf-Minuten-Takt. An das Nebeneinander von sechsspurigen Alleen und dörflichem Kopfsteinpflaster, von Wolkenkratzer und Fachwerk. Erstaunlich viele Grünflächen, verschwenderisch großzügig angelegt wie der Huth-Park, der immer mehr zu meinem bevorzugten Laufrevier wird, oder kleine, gemütliche Oasen wie der Bethmann-Park, sie behaupten sich mitten in der Stadt gegen den immer weiter ausufernden Asphalt, ebenso wie der Anlagenring, ein grünes, fünf Kilometer langes, unbebaubares Hufeisen rund um die Innenstadt, durch dessen östlichen Teil ich täglich zehn Minuten zur Arbeit radele. Bei schönen Wetter flanieren hier mittags Angestellte im feinen Zwirn, beißen in ein Brötchen und schlürfen ihren Starbucks-Kaffee – im Stehen, denn die Sitzbänke sind meist bereits belegt von den vielen Armen dieser Stadt.

All die Menschen. Anfangs sah ich nur eilende Japaner und Banker mit zunehmend tiefer hängenden Schultern. Inzwischen besteht die Stadt aus anderen Leuten. Die Jugendlichen aus der Schule bei mir um die Ecke, die um die Mittagszeit die Straße mit Leben füllen. Das Punkerpärchen von gegenüber, das im Sommer jeden Abend (irgendetwas) rauchend auf dem Balkon verbachte. Die verwitwete Nachbarin mit den kurzen grauen Haaren, die drei Stockwerke über mir wohnt – seit 45 Jahren, wie sie mir erzählt hat. Der Rentner unter mir, mit seinen sieben Berufen und sieben Leben. Die er mir ebenfalls erzählt. Täglich.

Die Verkäuferin in „meiner“ Bäckerei, der Radioladen-Fritze, der meine Päckchen entgegennimmt – auch wenn er keine offizielle Annahmestelle hat – , die Bedienungen in den Kneipen und in dem kleinen Kino drüben auf der Berger Straße, die mir langsam vertraut werden.

Gegenüber ist jemand gestorben. Eine Entrümpelungsfirma rückt an, Stück für Stück tragen die Männer ein ganzes Leben auf die Straße. Innerhalb kurzer Zeit scharen sich immer mehr Leute um den herrenlosen Hausrat, wühlen in Koffern, inspizieren Lampenschirme, raffen an sich, was die Hände tragen können. Dabei wird hier doch gerade wieder der Beweis angetreten: Am Ende nehmen wir nichts mit.

Über all dem spannt sich, zuverlässig jeden Abend, ein Nachthimmel auf, der hier in der Großstadt so viel heller ist. Und doch wollen die Sterne nicht verblassen.

Konzentrationslager Buchenwald

Eine Audio-Slideshow aus dem Konzentrationslager Buchenwald – erstellt mit Soundslides. Im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar sind zwischen Juli 1937 und April 1945 rund 250.000 Menschen zusammengepfercht, schätzungsweise 56.000 werden hier getötet. Weiterlesen →