Schickt! Mich! Weg!

Fast zwei Jahre schon seit meiner letzten Tour. Höchste Zeit, sich mal wieder in den Fahrradsattel zu setzen und eine Woche durchzustrampeln – aber wohin? Die Lauenburg-Ostsee-Strecke fiel im vergangenen Jahr dem G8-Gipfel zum Opfer, aber vielleicht sollte ich die Pläne reaktivieren? Oder eine entspannte Tour am Rhein entlang, etwa Mainz – Köln? Ach, wisst ihr was: Sucht’s euch aus. Ich habe schon immer einen Anlass gesucht, hier ein bisserl Webzwonull-Citizen-Journalism-Online-Democracy reinzubringen und dieses Poll-Plugin zu testen.

Die Ausgangslage: Eine Woche Zeit, innerhalb Deutschlands, Tagesetappen 50 bis 60 Kilometer. Irgendwo am oder zum Wasser. Flach, wenn’s geht. Entspannt. Schön. Hier abstimmen – oder eigene Touren-Vorschläge in die Kommentare. Als Belohnung wartet ein Reisebericht. Dankeschön. Also, wo geht’s lang?

Doping aus dem Kopfhörer

Gewöhnlich laufe ich mit Podcast im Ohr, meist ist es eine Der-Tag-Sendung von HR2, das kommt längenmäßig ziemlich genau hin, oder drei bis vier Zeitzeichen-Geschichten von NDR Info, oder ein Funkhausgespräch von WDR 5 (wobei ich hier neulich unvermutet die Stimme meines Chefs im Ohr hatte – an meinem freien Tag.) Ich lasse mir gerne was erzählen, während ich so durch den Wald trabe – und ja, ich stelle auch ganz brav die Lautstärke so niedrig, dass ich nicht nur hinterrücks heranpreschende Radfahrer rechtzeitig höre, sondern auch noch was vom Vogelgezwitscher über mir mitbekomme. Wozu ist man schließlich draußen in der Natur?

Podcasts beim Sport haben für mich einen Vor- und einen Nachteil. Sie lenken mich wunderbar von der Müdigkeit in meinen Beinen ab. Aber sie machen mir auch keine – Beine, meine ich. Will sagen: Beim Hören von „Sein Kampf – Götz Aly rechnet mit 1968 ab“ hat man vielleicht einige Aha-, aber keine Geschwindigkeitsrausch-Erlebnisse. Und mit einer Hart-aber-fair-Sendung zum Thema „Wer kann sich Altern in Würde leisten“ im Ohr neigt man eher dazu, unterwegs schlaff die Schultern hängen zu lassen, statt sich an Tempo-Intervallen zu versuchen – nach dem Motto: „Ach – nützt ja eh nix mehr.“

Um mich zum gezielten Training zu motivieren, sind meine Stamm-Podcasts also ungeeignet. Ein spezieller Lauf-Podcast vielleicht? Ich habe ich es mit dem Jogmap-Trainingspodcast probiert – nicht schlecht, aber ich fühlte mich so beobachtet („Noch ein bisschen schneller! Komm, da geht noch was! Los, anstrengen! Ja, schon besser.“)

Also doch lieber Musik, um auf Touren zu kommen? Aber was? Sting und Mercedes Sosa wärmen zwar die Seele – bei diesen sommerlichen Temperaturen ist das eher kontraproduktiv. Der ganze Jazz-Kram bringt’s nicht. Rebekka Bakken („There are so many men, and I love all of them“)? Passt beim Laufen weder musikalisch noch textlich. Hilfe! Ich brauche Tipps. Welche Musik geht direkt vom Ohr in die Beine und verleiht auf halbem Weg dorthin Flügel? Verratet mir die effektivsten Songs auf eurer Lauf-Playlist!

Tag Cloud

Jahrelang haben Verlage das Internet verschlafen, inzwischen verkünden sie ja landauf landab, dass hier die Zukunft liegt und sie deshalb hier ganz doll investieren werden. Wenn man sich aber anschaut, wohin das viele Geld gepumpt wird und welcher Bereich von dem ganzen Segen nichts oder kaum etwas abbekommt, dann scheint so manche „Online-Offensive“ vor allem eins: eine Schlagwort-Wolke mit wenig dahinter.

Millionen gehen in Technik, Entwicklerteams, in die Programierung von Plattformen, die (billige) Nutzerinhalte möglichst automatisiert aufbereiten. Gespart wird (weiterhin) an der Ecke, die es dringend nötig hätte: Journalistische Kompetenz scheint keine relevante Größe. So, wie in vielen Print-Redaktionen im Laufe der letzten Jahre immer mehr Korrespondentenstellen abgebaut, mehrtägige oder gar mehrwöchige Recherche nicht mehr bezahlt und immer mehr Eigenleistung durch Agenturtexte ersetzt wurden, so gilt für viele Webauftritte: Die Inhalte müssen nicht hochwertig sein. Hauptsache, sie lassen sich gut vertaggen.

Schafft die Koalitionen ab!

Als die Abgeordneten des ersten deutschen Parlaments vor 160 Jahren ihre Plätze in der Frankfurter Paulskirche einnahmen, gab es noch keine Parteien.

Ach, wäre es doch dabei geblieben.

Ja, sicher: Schon 1848 war es nicht lange dabei geblieben. Ähnliche politische Positionen fanden alsbald zueinander. Man setzte sich mit den Brüdern im Geiste zum Äppler zusammen, man suchte Mehrheiten, bildete Fraktionen. Koalitionen im heutigen Sinne aber gab es nicht, und somit auch keine Koalitionsdisziplin, die sich über politische Überzeugungen stellen ließen.

Das Paulskirchen-Parlament ist seinerzeit oft als Schwätzerclub verspottet worden. Heute wird nicht mal mehr ernsthaft miteinander geredet. Wozu auch? Nach einer Wahl wird die rechnerische Mehrheit gesucht, werden die Posten verteilt, wird ein Koalitionsvertrag geschlossen. Und sobald die Tinte trocken ist, muss niemand mehr durch Argumente überzeugen. Ein paar Strippenzieher fällen Entscheidungen, die Koalition darf abnicken. Die Mehrheit steht, und keiner der Beteiligten mag dran rütteln.

Hm. Da der Wiesbadener Landtag doch schon so nah an Frankfurt ist, dem Schauplatz des Paulskirchen-Parlaments – vielleicht könnten die Landtagsabgeordneten sich bei ihrer konstituierenden Sitzung am 5. April darauf besinnen, wie alles anfing? Und das könnte so aussehen: Roland Koch und seine Regierung bleiben geschäftsführend im Amt. Sie werden Diener des parlamentarischen Willens: Koch & Co haben auszuführen, was der Landtag mehrheitlich beschließt. Und diese Mehrheit ist eben diesmal nicht von vorneherein festgelegt und vertraglich besiegelt. Sie kann … wechseln.

Wechselnde Mehrheiten! Heissa, was könnte uns das bescheren: Sachfragen dürfen wieder leidenschaftlich diskutiert werden. Mehrheiten müssen jedesmal aufs Neue errungen werden – mit (Achtung, Novum:) Argumenten. Überzeugungsarbeit statt Hinterzimmer-Absprachen! Denn niemand kann sich mehr darauf verlassen, dass sämtliche Vorder- und Hinterbänkler der Koalition die Hand schon an der richtigen Stelle heben werden. Immerhin: Als vor kurzem der Bundestag das Stammzellen-Gesetz in dieser Weise debattierte, war von einer Sternstunde der parlamentarischen Demokratie die Rede.

Wer anno 1848 in Einzelfragen anderer Meinung war als die Fraktionskollegen, scherte ruckzuck aus und bildete eine neue Gruppe. Innerhalb weniger Monate wurden so aus drei Grundrichtungen fast ein Dutzend Fraktionen. Manche Abgeordnete blieben fraktionslos, stimmten mal hier, mal dort mit. Das alles mag den Prozess der Willensbildung verkompliziert und in die Länge gezogen haben. Und am Ende ist die Nationalversammlung ja auch gescheitert. Allerdings nicht an ihrem Verständnis von Parlamentarismus.