Stör ich?

Bis dahin charmanten Aufenthalt im Netz und viel Spaß bei der Recherche und beim Schreiben, wünscht mir der Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit einer Behörde, nachdem er mich auf kommende Woche vertröstet hat. Wie der Weiterleitungs-Historie zu entnehmen ist, bummelte meine Anfrage durch drei Abteilungen, bis schließlich Freitagmittag war – und das ist ja quasi schon mitten im Wochenende. Da geht nix mehr. Ich hoffe, dass Sie Verständnis dafür haben.

Es geht um nicht weniger als um eine offizielle Begründung für das Sperren von Webseiten im Zusammenhang mit dem so genannten Amokläufer von Emsdetten. Ich scheine mit der Frage nach der rechtlichen Grundlage den Ermittlern wertvolle Zeit zu stehlen. Die Zeit vor dem Feierabend reicht immerhin noch, um mir mitzuteilen, dass die Kollegen der Fachdienststelle zur Zeit mit der Abarbeitung des aktuellen Falles alle Hände voll zu tun haben. Inzwischen habe ich eine Auskunft anderweitig bekommen – vom Oberstaatsanwalt, über das gute alte Telefon.

Nur die oben zitierte Grußformel, die lässt mir irgendwie keine Ruhe. Ich kann mir nicht helfen – ich lese da:
Bis dahn viel Vergnügen beim Durchwaten dieses Dreck-Dingens namens Internet, in dem sich nur völlig durchgeknallte bloggende Amokläufer wohl fühlen können, man sollte das alles verbieten! Aber so war das ganz ganz bestimmt nicht gemeint.

Unterdrückte Bedürfnisse

Irgendwann während der äußerst vergnüglichen zwei Stunden gestern Abend meinte Edda, wir sollten ab und zu das Kind in uns rauslassen. Uns zum Beispiel daran erinnern, wie wir missmutig hinter Mama hergetrottet sind und „Ich will aber nicht in den Kindergarten!“ plärrten. Habe das an der Ampel auf dem Weg zur Arbeit heute morgen kurz in Erwägung gezogen, aber verworfen. Mein Chef stand neben mir.

(So ganz erwachsen wird man ja bekanntlich nie. Nicht, so lange wir uns an der Supermarktkasse beim Griff in die Süßigkeiten-Auslage noch schuldbewusst umschauen, als würde uns gleich jemand auf die Finger hauen. Aber immerhin werfen wir uns nicht mehr auf den Boden.)

Unfähige Politiker sofort verbieten!

Schon wieder das altbekannte Killer-Spiel: Direkt im Anschluss an einen jungen Menschen laufen Politiker Amok. Sparen jahrelang an der Betreuung für Schüler, lassen Klassenräume verkommen, Stellen unbesetzt, überforderte Lehrer im Stich und zeigen dann mit dem Finger auf Counterstrike und Internet und all das Teufelszeug.

Wird Zeit, dass die sich öfter mal vor den Rechner setzen und eine Weile SimPolitics spielen, bevor sie auf das echte Leben losgelassen werden.

Identifiziert

Die Nachrichtenagentur Associated Press verbreitet soeben Fotos von der Website des Mannes, der heute in einer Schule im Münsterland Amok gelaufen, mehrere Menschen angeschossen und sich offenbar anschließend selbst getötet hat. Am unteren Rand des Bildes ist die Internetadresse zu erkennen; die Seite ist inzwischen gesperrt. Und bei Denic kann derweil jeder, der will, die vollständige Adresse des mutmaßlichen Amokläufers nachlesen.
Update: Die Printausgabe der FR vom 21.11. hat im Text den Namen des Mannes brav abgekürzt. Und das Foto mitsamt Internetadresse veröffentlicht. Schwierige Sache, das mit dem Inter-dings.

Ach, Jerusalem

Sechzig Jahre Krieg und Terror, viele Tausend Tote, zerfetzte Leiber und zerstörte Hoffnungen, gescheiterte Friedensverhandlungen, Zäune und Mauern – aber in eurem Hass, eurer Respektlosigkeit, eurer Intoleranz gegen Schwule und Lesben, da seid ihr euch plötzlich einig und so nah, dass kein Blatt Papier zwischen euch passt. Zum Kotzen.

Bilderverbot

Viele hätten es lieber nicht gesehen, das Bild vom entflohenen Vergewaltiger auf dem Dach der Dresdner Justizvollzugsanstalt. Ein Strafgefangener, der seine Wächter zum Narren hält, der sich feixend vor laufenden Kameras und klickenden Fotoapparaten inszeniert, während sein Opfer seiner Aussage im Prozess entgegenbangt. Eine Schande, ja – aber eine, die man nicht zeigen darf?

Man kann bedauern, dass in der Mediengesellschaft der Kampf um Aufmerksamkeit vor allem über visuelle Reize ausgetragen wird – zu ändern ist das nicht, und wer die Schuld daran allein den Medien zuschiebt, verdrängt den eigenen Hang zum Hinschauen. Die Gleichung ist so simpel wie wirtschaftlich einleuchtend: Geliefert wird, was verlangt wird.

Wir erwarten von Medienunternehmen mehr Moral als von jenen, die über ihren Fortbestand entscheiden. Zu Recht. Aber es bedarf schon verdammt guter Gründe, einen Vorgang, von dem es Bilder gibt, nicht zu zeigen. Journalisten, Sender, Verlage müssen sich jedesmal aufs Neue fragen, ob solche Gründe vorliegen. (Blogger auch.) Man kann darüber streiten, ob sich an Ziffer 11 des Pressekodex (Verzicht auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt und Brutalität) noch immer die Mehrheit oder womöglich nur noch eine Minderheit der deutschen Presse gebunden fühlt. Dann sollte man allerdings auch diskutieren, warum das so ist.

Die Vorstellung, wir hätten von dem unsäglichen Vorgang in Dresden zwar hören und lesen, ihn aber nicht im Bild sehen dürfen, ist absurd. Welche Gründe hätte es gegeben, den Mann auf dem Dach zwar zu beschreiben, ihn aber nicht zu zeigen? Das Opfer nicht noch mehr zu demütigen? Das war bereits passiert, als Stephanie von der Flucht ihres Peinigers unterrichtet wurde. Um dem Mann keine „Bühne“ zu geben? Die hätte er auch durch reine Wortberichterstattung. Seine Wächter haben sie ihm verschafft.

Viele hätten es lieber nicht gesehen, das Bild vom entflohenen Vergewaltiger auf dem Dach der Dresdner Justizvollzugsanstalt. Mit Sicherheit gehören die sächsischen Justizbehörden dazu, der Minister, der Direktor der JVA. Sie alle hatten Gründe, sich zu wünschen, dass ihnen nicht ganz Deutschland beim Versagen zusieht.

Und eben das ist die einzige Botschaft, die mir diese Bilder vermittelt haben. Der Staat, hilflos gestikulierend auf einer Hebebühne. Der lächerlich kurze Arm des Gesetzes.