FR-Blog: Reset

So heiß, wie es im FR-Blog ein Jahr lang immer wieder hergegangen war, so still war es zuletzt darum geworden. Irgendwann rührten zu viele Köche in diesem Blogbrei, nicht immer taten sie es mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen. Auch die Idee, die FR-Volontäre gemeinsam unter dem Namen einer Kunstfigur bloggen zu lassen, war vermutlich nicht die allerbeste. Kurzum: Auch bei der Rundschau musste man erkennen, dass verordnetes Bloggen über Gott und die Welt irgendwie doof nicht das Wahre ist.

Trotzdem (oder gerade deshalb?): Das FR-Blog bekam innerhalb kürzester Zeit eine Fangemeinde, die zu einem großen Teil wenig bis nichts mit der Blogosphäre am Hut hatte. Manchmal war das ganz wohltuend. Offensichtlich fühlte sich vornehmlich eine Klientel angesprochen, die an politischen Diskussionen mehr Interesse hatte als an spezifischen Bloggerthemen, an Nabelschau oder WebZwoNull-Fachsimpelei – ebenso verhielt es sich übrigens bei den bloggenden Redakteuren. Insofern lag das FR-Blog herrlich „daneben“ – vermutlich ein Grund für seinen zeitweiligen Erfolg, und den hatte es, bei durchschnittlich 18 Kommentaren pro Beitrag, zweifellos.
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Reform der Sprache

Rente, Steuer, Gesundheit, Föderalismus – ganz schwindlig kann einem werden angesichts der Welle von politischen Umgestaltungen, die über uns hereinschwappt. Eine Reform jedoch droht in der öffentlichen Wahrnehmung völlig unterzugehen. Zu Unrecht! Handelt es sich doch bei diesem Projekt um ein Vorbild an harmonischem Zusammenwirken der Politiker, die im Namen der Sache über alle Parteigrenzen hinweg Einigkeit zeigen. Bürgerinnen und Bürger – sehr her, was eure Volksvertreter zu leisten imstande sind! Unbescheiden, in aller Stille, haben sie die Sprachreform verabschiedet!

Hier nun ein Blick in das Wörterbuch der Begriffsreformatoren.
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Zäsur

Der Tag, der die Welt veränderte ist eine bis zum Überdruss strapazierte Beschreibung. Wie sehr sie dennoch zutrifft, wird mir bewusst, wenn ich in Gedanken zu erklären versuche, was in den vergangenen fünf Jahren geschehen ist – jemanden, der den 11. September 2001 nicht mehr erlebt hat. Jemandem, der gestorben ist, als die Welt noch eine andere war.

Erst wenige Tage vor dem 11. September 2001 war ich von einer Print- in die Online-Redaktion gewechselt, kannte die Arbeitsabläufe noch nicht. An diesem Mittag ging ich nicht mit den anderen Kollegen in die Kantine; ich glaube, ich war damit beschäftigt, mich einzurichten, fehlende Programme zu installieren… Dann kam eine Rundmail aus der Chefredaktion: „In New York ist ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen. Nachrichten einschalten!“ Ich schaute mich um – in meinem neuen Büro gab es damals kein Fernsehgerät, und über eine TV-Karte verfügte lediglich der Rechner des Ressortleiters.

Ich ging ein Stockwerk tiefer in meine frühere Redaktion, wo der Fernseher bereits lief, und traf einen meiner Ex-Kollegen an. Er stand vor dem Gerät, die Hand vor dem Mund. Auf dem Bildschirm waren die Türme zu sehen und eine riesige Rauchwolke, die seitlich in den Himmel ragte. Ich fragte so etwas wie „Eine kleine Propellermaschine ist da reingeflogen, hab ich gehört?“ Natürlich hatte ich das so nicht gehört – aber es war das Bild, das ich wie selbstverständlich im Kopf hatte. Etwas anderes war schlicht nicht vorstellbar, damals.

In der Welt danach ist fast alles vorstellbar geworden.

Mitten in Deutschland

Vor mir beim Optiker: Ein Ehepaar, er in luftigem weißen Gewand, Kopfbedeckung und Bart, sie in schwarzer Burka, nur ein Sehschlitz frei. Er lässt sich von der Verkäuferin über Kontaktlinsen beraten. Nach wenigen Minuten wird klar: Es geht gar nicht um ihn, es geht um seine Frau, um deren Augen, um deren Kontaktlinsen. Er spricht für sie. Auch die Verkäuferin weiß das jetzt. Aber sie redet weiterhin ausschließlich mit dem Mann. Sie schaut die Frau nicht einmal an. Zwischendurch macht die Frau hinter dem schwarzen Tuch Bemerkungen, aus denen selbst ich in einigen Metern Entfernung heraushöre, dass sie gut deutsch versteht und spricht. Doch auch das veranlasst die Verkäuferin nicht, sich ihr zuzuwenden – der Person, um deren Belange es schließlich geht. Weiterlesen →