Verpackungskünstler

Im Fernsehen spricht ein Politiker von der Absenkung der Arbeitslosenhilfe auf Sozialhilfe-Niveau und nennt das Gleichstellung. Das klingt ein bisschen wie Gleichberechtigung. Und wer kann dazu schon Nein sagen.
Übrigens: Umbau des Sozialstaates wäre fast mal Unwort des Jahres geworden – 1996, unter Kohl. Den ersten Platz machte damals dann aber doch die Rentnerschwemme.
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Das gute Leben

Alle wollen es, manche haben es, niemand kann es behalten: Das glückliche Leben ist eine Erfindung der Neuzeit, meinte Professor Guy Kirsch gestern im Nachtcafe, wo die Frage „Einfach leben – glücklich leben?“ im Raum stand – und naturgemäß höchst unterschiedlich beantwortet wurde. Vom Broker, der sich vom Flüchtlingskind zur Wall Street hochgearbeitet hat und das erreichte Vermögen nicht mehr hergeben mag. Oder von der Autorin, die mit Büchern a la „Simplify your life“ gut genug verdient, um sich den Luxus des Weglassen leisten zu können. Oder von der Asketin, die in einem Öko-Dorf ohne Strom lebt, weil das ihr Gewissen gegenüber den Armen der Welt beruhigt. Oder von dem viel beschäftigten Schauspieler, der zwischen zwei Drehs im Kloster seine Ruhe sucht.
Quer durchs Mittelalter, so der ebenfalls eingeladene Professor, habe es den Begriff „glückliches Leben“ nicht gegeben. Aber es gab einen anderen dafür: das gute Leben.
Vielleicht liegt das Glück genau hierin: Zu erkennen, dass das gute Leben aus Momenten besteht, von denen einige glücklich sind.
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Standard

Weißt du, ich will ja gar nicht viel im Leben, höre ich heute bei Saturn einen blutjungen Kerl zu einem Kollegen sagen. Nur das, was man eben so erwartet. Gutes Einkommen, Auto, Urlaub, ein Haus und so. Was das und so beinhaltet, habe ich mir lieber gar nicht erst ausgemalt.

Die südlich-des-Äquators-Version des gleichen Gesprächs hätte sich wohl so angehört:
Weißt du, ich will ja gar nicht viel im Leben. Nur eine Handvoll Reis, und die Gewissheit, dass mir die Kinder morgen nicht verhungern.

Jaja. Ich weiß. Der Begriff Standard ist dehnbar. Ich und so ziemlich die meisten, die das hier lesen, kennen eben nur das lange Ende des Tisches. Ich gestehe: Auch ich träume von einem Haus, mit einem alten Schreibtisch drin, an dem ich sitze und schreibe, und einem Fenster, durch das ich das nahe Meer rauschen höre und die Möwen schreien. Irgendwann. Bestimmt.

Osamas to-do-Liste

Die Spanier haben ihrer Regierung den plumpen Versuch, die verheerenden Bombenanschläge wahltaktisch auszunutzen, um die Ohren gehauen. Da konnte der (bisherige) Innenminister noch so oft ETA, ETA rufen – eine Mehrheit des Wahlvolks sah sich offenbar nach dem 11. März in ihrer Ablehnung des Irakkriegs auf das Furchtbarste bestätigt und wählte die Regierung, die das Land erst in den Waffengang zog und dann die schrecklichen Folgen nicht wahr haben wollte, ab.
Die Einschläge kommen immer näher. Das war mein erster Gedanke am vergangenen Donnerstag. Trotz Anti-Kriegs-Kurs unserer (Noch-)Regierung: Allzu sicher dürfen wir uns in Deutschland wohl nicht fühlen. Schon melden sich Terrorismusexperten wie Rolf Tophoven: „Wir sind derzeit nicht Ziel Nummer 1, aber wegen des Bundeswehr-Engagements in Afghanistan und am Horn von Afrika sicher im Visier der Islamisten.“ Er rechne damit, dass die Terroristen nun die Verbündeten der USA „abarbeiten“.
Spaniens Wahlsieger Zapatero kündigt an, die Soldaten in Irak noch bis zum Sommer zurückzuholen. Schön für die Heimkehrenden, aber mal abgesehen davon, dass die Spanier in Irak nicht zu Ende führen, was sie nun mal angefangen haben: Kann das wirklich die Antwort sein auf Terror, der Hunderte Unschuldige massakriert? Müssen sich westliche Demokratien künftig Sicherheit und Unversehrtheit ihrer Bevölkerung durch Wohlverhalten oder zumindest Neutralität gegenüber Terroristen erkaufen?
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Mit Argusaugen

Ob zu Recht oder zu Unrecht: Die Zeitung wird im Ruch stehen, die Parteizeitung der SPD zu sein, und die Journalisten, die wegen der Bürgschaft eine Zeitlang verdächtigt wurden, Roland Koch sanfter zu behandeln, wird man nun mit dem Vorwurf konfrontieren, ihre Berichterstattung diene den Interessen der SPD, schreibt Ulrike Simon heute im Tagesspiegel.
Das ist es wohl, was den Redakteurinnen und Redakteuren der Frankfurter Rundschau an den Übernahmeplänen durch die SPD-Holding DDVG die größten Bauchschmerzen bereitet.
Auch, wenn die Redaktion weiterhin parteipolitisch unabhängig berichtet; auch, wenn die Regierungspartei auch künftig nicht mit Samthandschuhen angefasst wird: Viele werden der Versuchung unterliegen, die gleiche Haltung, angewandt gegenüber der derzeitigen Opposition, mit der Beteiligung der Genossen an der FR in Verbindung zu bringen.
Im Grunde schadet es einer freien Presse ja nicht, wenn die Leserschaft sie mit Argusaugen beobachtet. (Auch wenn es so gut wie keine Folgen hat, wie Bild jüngst in Hamburg wieder bewies, wo das Blatt Ole von Beust ganz unverblümt in der Wählergunst nach oben geschrieben hatte.) Dennoch: Für den Tagesspiegel wäre ein Einfluss der SPD auf redaktionelle Inhalte der FR sogar kontraproduktiv:
Parteizeitungen funktionieren nicht, wie die 140-jährige Geschichte der SPD-Medien zeigt. Und gerade die FR mit ihren überkritischen Lesern dürfte wohl kaum ihre Glaubwürdigkeit als unabhängige Zeitung riskieren. Der Verlust publizistischer Glaubwürdigkeit hätte unweigerlich den wirtschaftlichen Gau zur Folge. Und davor soll die FR ja gerade bewahrt werden.
Die ersten Abonnenten drohen übrigens bereits mit Kündigung. Sie müsste man zurückfragen, ob ihnen die Einstellung „ihrer“ FR lieber gewesen wäre.
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